Die Mondknoten Rahu und Ketu

11. Nov 2011 – 14:47:34

Die indische Astrologie bezeichnet die beiden Mondknoten Rahu und Ketu als chaya-grahas, „Schattenplaneten“. Der Name bringt zum Ausdruck, dass die Mondknoten für das Auge unsichtbar sind, wie auch der Aszendent, der im Osten aufsteigende Punkt der Ekliptik, nicht sichtbar ist. Es handelt sich jeweils um hypothetische Punkte, denen kein physisch vorhandener Himmelskörper entspricht.

Horizontachse astronomischDer Aszendent (AC) ist das Tierkreiszeichen, das zum Zeitpunkt der Geburt vom Ort der Geburt aus gesehen am östlichen Horizont aufgeht. Schaut man in diesem Moment nach Westen, geht dort gerade ein Tierkreiszeichen unter – der Deszendent (DC). Die Tierkreiszeichen sind gleich große Abschnitte der Ekliptik, der scheinbaren Bahn der Sonne um die Erde. Das Tierkreiszeichen an sich ist wie der Aszendent unsichtbar. Wir können nur Sternbilder am Himmel sehen, keine Tierkreiszeichen. Sternbilder und Tierkreiszeichen haben zwar (unglücklicherweise) dieselben Namen, sind aber nicht die gleiche Sache.

Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um ihre eigene Achse. Aufgrund dieser Bewegung hat es den Anschein, dass am Horizont etwa alle zwei Stunden ein anderes Sternbild sichtbar wird. Analog ändert sich auch das jeweils im Osten aufgehende bzw. im Westen untergehende Tierkreiszeichen (siehe Grafik oben links, die von einem Ort in Mitteleuropa den Blick nach Westen zeigt). Diese auf- bzw. untergehenden Tierkreiszeichen nennt man Aszendent („das Aufsteigende“) und Deszendent („das Absteigende“).

Mondknoten-AchseDie Mondknotenachse entsteht durch die Bahn des Mondes um die Erde. Der Mond umkreist in rund 27 Tagen einmal die Erde. Dabei schneidet er zwei Mal die Ekliptik, die scheinbare Sonnenbahn bzw. die Bahn der Erde um die Sonne. Sie ist gegenüber der Mondbahn um rund 5° geneigt. Diese beiden Schnittpunkte sind die Mondknoten. Der Moment, in dem der Mond die Ekliptik schneidet, um die nächsten zwei Wochen oberhalb der Erdbahn zu wandern, nennen wir aufsteigender oder nördlicher Mondknoten: Rahu. Nördlich, weil er in Richtung Nordpol wandert. Wenn der Mond zwei Wochen später wieder die Ekliptik schneidet, um fortan unterhalb der Erdbahnebene zu wandern, nennt man diesen Schnittpunkt absteigender oder südlicher Mondknoten: Ketu.

Mondbahn, Ekliptik, MondknotenachseIm Grunde existiert ein Mondknoten nur in dem Moment, wenn der Mond die Ebene der Erdbahn um die Sonne schneidet. Alle anderen „Mondknotenpositionen“ der folgenden zwei Wochen sind hypothetischer Natur, bis der Mond erneut die Erdbahn schneidet. Die Mondknoten-Bezeichnungen „aufsteigend“ und „absteigend“ erinnern an die Begriffe Aszendent („das Aufsteigende“) und Deszendent („das Absteigende“).

Der im Osten aufgehende Aszendent ist der Beginn des 1. Hauses. Das 1. Haus beschreibt die physische Erscheinung eines Menschen. Dort beginnt das Leben des physischen Körpers im Moment der Geburt. Der gegenüberliegende Deszendent symbolisiert analog den „Austritt“ des Lebens aus dem physischen Körper im Moment des Todes. Diesen Weg können wir uns anhand der scheinbaren Bahn der Sonne deutlich machen: Bei Sonnenaufgang geht die Sonne morgens am Aszendent im Osten auf: ein neuer Tag ist geboren. Wenn sie abends gegenüber am Deszendenten steht, geht sie am Horizont im Westen unter. Die Sonne „stirbt“ für eine Nacht, bis sie am nächsten Morgen im Osten wieder neu geboren wird.

Der Mond symbolisiert in der vedischen Astrologie das wahrnehmende Bewusstsein im Allgemeinen: das, was über die Dinge nachdenkt, der reflektierende Geist; im Sanskrit: Manas. In der Astrologischen Psychologie symbolisiert der Mond das reflektierende Prinzip, denn er ist ein Himmelskörper, der selbst kein Licht ausstrahlt wie die Sonne, aber in hohem Maße in der Lage ist, das Sonnenlicht auf die Erde zu reflektieren. Dabei ist er ganz und gar abhängig von seiner Position zur Sonne. Diese Eigenschaft hat eine Analogie zur Gefühlswelt des Menschen, die wie die unterschiedlichen Phasen des Mondes eine Welt der Gegensätze ist: Freude und Schmerz, Sympathie und Antipathie wechseln sich hier oft in schneller Folge ab und sind in der Regel abhängig von Außenreizen, die unser Gefühlskörper in Stimmungen und Gefühlen reflektiert.

Wir können die analoge Schlussfolgerung ziehen, dass so, wie am Aszendenten das Leben unserer physischen Form beginnt, am aufsteigenden Mondknoten, Rahu, das individuelle Bewusstsein (im Sinne des Mondes, d.h. das „reflektierende“ Bewusstsein des Selbst) beginnt. Am gegenüberliegenden absteigenden Mondknoten, Ketu, „stirbt“ dieses individuelle Bewusstsein des Mondes, so wie bei Sonnenuntergang die Sonne am Westhorizont „stirbt“. Das Sterben des indviduellen Bewusstseins bedeutet nicht die Vernichtung des Bewusstseins an sich, sondern es entspricht im Grunde dem Einswerden des individuellen Seins mit dem einen „Großen Bewusstsein“, dem All-Bewusstsein, dem göttlichen Sein oder wie auch immer wir diese Dimension jenseits des individuellen Bewusstseins nennen möchten. Das individuelle Bewusstsein ist aus hinduistischer Sicht ohnehin hypothetischer Natur. Es wird als Illusion angesehen. So, wie der Mond ohne die ihn beleuchtende Sonne kein wahrnehmbares Eigenleben hat. Sein Wesen besteht darin, das Licht der alles erleuchtenden Sonne zu reflektieren. So ist auch das individuelle Bewusstsein (Mond) idealerweise Reflektor für das eine, allumfassende „Große Bewusstsein“ (Sonne).

Rahu, aufsteigender MondknotenBeim aufsteigenden Mondknoten (Rahu) tritt das individuelle (reflektierende) Bewusstsein als irdische Inkarnation in Erscheinung, beim absteigenden Mondknoten (Ketu) löst es sich im All-Eins-Sein wieder auf. Rahu zieht den Menschen als individuelles Sein aus dem großen Bewusstsein des All-Eins-Sein heraus, um die individuelle Reise der Bewusstseinsentwicklung zu beginnen. Die Stellung des aufsteigenden Mondknotens im Horoskop gibt Auskunft über die zu entwickelnden Themen des Bewusstseins. Sobald das Bewusstsein des Menschen eine ausreichende Entwicklung erfahren hat, verbindet Ketu es wieder mit dem allumfassenden Bewusstsein, indem er eine umfassendere Sicht entsprechend seiner Stellung im Horoskop ermöglicht. Die Stellung des absteigenden Mondknotens beschreibt, wie der Einzelne sich wieder mit dem Großen Ganzen verbinden kann (Erlangung von „Moksha“ in der hinduistischen Tradition), nachdem das Bewusstsein die Lektionen des aufsteigenden Mondknotens ausreichend gelernt hat.Ketu, absteigender Mondknoten

Wenn wir die Reinkarnation als Hypothese für den größeren Zusammenhang unseres Lebenshintergrundes und -ursprungs heranziehen, dann haben wir bereits vor langer Zeit die durch die Mondknoten angedeutete Bewusstseinsentwicklung begonnen. Wir sind in einem beständigen Prozess des Entwickelns (aufsteigender Mondknoten) und der Freigabe des ausreichend Entwickelten (absteigender Mondknoten). Diese beiden Pole der Entwicklungsachse sind gleichermaßen wichtig, um zu vermeiden, dass wir am aufsteigenden Mondknoten uns durch „zuviel“ Entwicklung übermäßig aufblähen und „explodieren“, bzw. am absteigenden Mondknoten durch „zuwenig“ Freigabe des Erreichten irgendwann „implodieren“ könnten. Es ist wichtig, die Mondknotenachse als Achse der Gleichgewichte zu erkennen.

Die westliche Astrologie betont heutzutage den aufsteigenden Mondknoten und damit die Entwicklung in neue Möglichkeiten des Bewusstseins in der Zukunft. Der absteigende Mondknoten wird in der Regel als nicht erstrebenswerter „Weg rückwärts“ geradezu abgewertet. Oft wird er gar nicht mehr in die Horoskope eingezeichnet, wie zum Beispiel in der Astrologischen Psychologie. Die indische Astrologie betont dagegen eher den absteigenden Mondknoten Ketu, vielleicht, weil er dem asiatischen Selbstverständnis näher liegt. Ketu ist in der vedischen Astrologie ein Signifikator (Karaka) für „Moksha„, für Erlösung und Befreiung. Für einen Hindu ist dies das höchste erstrebenswerteste Ziel im Leben: endgültig frei zu werden (vom Rad der Wiedergeburten).

Der westliche wie der östliche Weg für sich allein sind zu einseitig. Es geht um die Balance: Neues entwickeln UND gleichzeitig bereits Erreichtes und Erworbenes wieder freigeben.

Beide Mondknoten, Rahu und Ketu, beschreiten den Pfad des individuellen Selbst bzw. Bewusstseins. Das individuelle Selbst entwickelt sich beständig in Richtung des einen Großen Bewusst-Seins. Aus diesem Grund geben die beiden Mondknoten Hinweise über den zu beschreitenden „evolutionären Pfad des Bewusstseins“ (oder der „Seele“). Der aufsteigende und der absteigende Mondknoten markieren beide unterschiedliche Wege in der Verfolgung ihres gemeinsamen Ziels der Entwicklung hin zum Größeren Ganzen.

Der südliche Mondknoten Ketu ist eine introviertierte Kraft, die Vollendung und Befreiung ermöglicht. Jene Dinge, die Ketu im Horoskop beeinflusst (Haus, Zeichen, Planeten in der Nähe), gehen der Vollendung entgegen und können in diesem Leben ge- bzw. erlöst werden. Der nördliche Mondknoten auf der anderen Seite treibt das Bewusstsein vorwärts in das Neue, um einen Ausgleich zu schaffen, wo noch kein Gleichgewicht herrscht. Denn solange Ungleichgewichte existieren, kann es keine Vollendung oder Befreiung auf dem evolutionären Pfad geben. Dort, wo der aufsteigende Mondknoten uns neue Dinge ins Leben bringen lässt, geschieht dies nur, um einen Ausgleich zu schaffen. Es herrscht ein Ungleichgewicht, weil wir uns in vergangenen Leben auf jene Themen konzentriert haben, die Ketu anzeigt, weshalb andere Lebensthemen bislang unentwickelt geblieben ist, die wir nun am aufsteigenden Mondknoten entwickeln sollen.

Wenn jedoch der vom aufsteigenden Mondknoten beeinflusste Bereich unterentwickelt ist und der Entwicklung bedarf, kann der vom absteigenden Mondknoten beeinflusste Bereich nicht wirklich entwickelt sein. Er ist tatsächlich nur aus (s)einer engen Perspektive entwickelt, nicht in einer augeglichenen Art und Weise. Ohne ausbalancierte Entwicklung kann es aber keine spirituelle Erfüllung und kein spirituelles Bewusstsein im eigentlichen Sinne geben. Der Ausgleich, den Rahu von uns zu lernen fordert, ist von großer Bedeutung. Denn nur, wenn wir uns mit den Bereichen, die uns Rahu diktiert beschäftigen, können wir Ketu vervollkommnen, was schlussendlich Befreiung bedeutet.

Obwohl ihre Vorgehensweise sich erheblich unterscheidet, arbeiten die beiden Mondknoten zusammen. Der absteigende Mondknoten Ketu ist übermäßig selbstkontrolliert und manchmal geradezu vorstellungsfixiert in seiner Vorgehensweise, während es dem aufsteigenden Mondknoten Rahu an Unterscheidungsfähigkeit und durch sein chaotisches Vorgehen an Kontrolle mangelt. Rahu kreiert Chaos, das Ketu dazu zwingt, die Kontrolle loszulassen und Flexibilität, Hingabe und Losgelöstheit zu entwickeln. Je überkontrollierter Ketu ist, umso chaotischer wird Rahu sein. Daher erlaubt die Bewältigung der Rahu-Themen Ketu die Erfahrung von Losgelöstheit, Akzeptanz und wahren Frieden.

Ketus Stellung zeigt jene Lebensgebiete, auf denen wir festgefügte Vorstellungen haben über das „wie es sich gehört“, über Richtig und Falsch, über das, was zu tun und was zu lassen ist, mit der Fähigkeit, unser Leben nach diesen Vorstellungen ausrichten zu können. Dagegen beschreibt die Rahu-Stellung jene Lebensgebiete, auf denen wir unklare oder unrealistische Vorstellungen haben und einen Mangel an Fähigkeiten oder Know-How, die uns dabei unterstützen könnten, in Übereinstimmung mit diesen Vorstellungen zu leben. Der aufsteigende Mondknoten erzeugt gewissermaßen Chaos und Instabilität (aus der Sicht des absteigenden Mondknotens), die dazu dienen, uns von den fixen Vorstellungen des absteigenden Mondknotens zu befreien, weil deren Befolgung sonst zu einem Leben im Ungleichgewicht führen würde.

In der vedischen Astrologie gelten die Mondknoten Rahu und Ketu als Krura Grahas, übersetzbar mit „grausame Planeten“. Als grausam gelten die Mondknoten, da sie mit nachteiligen, schmerzhaften oder zerstörenden Erfahrungen zusammenhängen, die eine Trennung bewirken. Dabei sind folgende Punkte wesentlich:

1. Zwang
2. Unzufriedenheit
3. Radikale und unkontrollierbare Veränderungen
4. Transformation

Die Mondknoten zwingen uns ihre Themen auf, bzw. wir können unsere Mondknotenachse auf Dauer nicht ignorieren. Wir sind über kurz oder lang gezwungen, uns mit den Themen der Mondknotenachse auseinanderzusetzen, damit ein Ausgleich geschaffen werden kann. Rahu zwingt uns in neue Erfahrungen, lässt uns immer wieder neues Terrain betreten, auch wenn wir zu Anfang oft noch zögerlich sind, weil wir noch so wenig Wissen über den Lebensbereich haben, den Rahu im Horoskop beeinflusst. Wir spüren, dass wir tun sollten, was Rahu uns aufträgt. Ketu erzeugt Zwänge, die auf Dauer jene Dinge zerstören, die mit ihm in Zusammenhang stehen. Er zwingt uns zum Loslassen und damit zur Befreiung.

Unzufriedenheit ist oft der erste Schritt vorwärts in unserer Bewusstseinsentwicklung. Sie reizt uns zur Suche an. Ketu erzeugt Unzufriedenheit aufgrund des Alten und Bekannten, das uns auf der Stelle treten lässt und das Leben langweilig, manchmal gar sinnlos erscheinen lässt. Rahus Unzufriedenheit mit dem Bestehenden motiviert zur Suche nach neuen Möglichkeiten und lässt auf unbekanntem Gebiet Risiken eingehen. Oft ist Rahu auch mit dem Erreichten unzufrieden, denn es erscheint ihm unmöglich, dass etwas so gut sein könnte, wie der Wunsch oder die Vorstellung es suggeriert. Träume sind aus Rahus Sicht immer besser als die Realität.

Die radikalen Veränderungen und Krisen, die die Mondknoten erzeugen, bringen unsere wahre Individualität zum Vorschein. Sie befreien uns von Anhaftungen, die uns an eine nicht mehr zeitgemäße Form oder Bewusstseinsstruktur binden könnten. Rahu erzeugt radikale Veränderungen, die dazu zwingen, Neues und uns nicht Vertrautes zu akzeptieren und dem Unbekannten zu vertrauen. Ketu erzeugt radikale Veränderungen, um uns von Anhaftung zu befreien bzw. von jenen Dingen, die bereits vollendet sind und daher in unserer Bewusstseinsentwicklung keinen Zweck mehr erfüllen.

Die von den Mondknoten erzeugten Transformationen lassen uns eine neue Perspektive gegenüber den Themen einnehmen, die wir zuvor als unmöglich, unlösbar oder unlebbar angesehen hatten. Aus dieser neuen Perspektive heraus bieten sich uns neue Möglichkeiten, mit den angesprochenen Themen umzugehen. Diese Transformation ist das Wesentliche der Mondknotenachse. Rahu erzwingt Durchbrüche, die zu mehr Verständnis führen, wo vorher Verwirrung herrschte. Ketu transformiert Dinge, indem er uns dazu zwingt, die Sichtweise des kleinen Egos und dessen Anhaftungen loszulassen, was wiederum eine erweiterte Sicht auf das Leben ermöglicht.

Grafiken:
Quelle: Michael Huber (teilweise von mir bearbeitet)

Lesetipps:
Claude Weiss: Karmische Horoskopanalyse Band 1
Ernst Wilhelm: Vault of the Heavens
Prash Trivedi: The Rahu Ketu Experience

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