Das Mondknotenhoroskop

Sonne und Mond

 

 

Die indische Astrologie definiert die Sonne als Symbol für das göttliche Bewusstsein, den Atma oder Purusha, das schauende Selbst. Dieses wahre Selbst ist unveränderlich, unbeeinflusst und unbeeinflussbar.

SonneDie Astrologische Psychologie deutet die Sonne etwas pragmatischer als das autonome Ich, das unabhängig von Bestätigungen seitens der Umwelt ein sicheres und festes Bewusstsein seiner selbst aufbauen kann. Die Dimension des wahren Selbst verortet die Astrologische Psychologie im Raum des leeren Kreises in der Horoskopmitte.

MondDer Mond symbolisiert in der indischen Astrologie Manas oder Citta, die Gesamtheit aller Denk- und Wahrnehmungsprozesse, das meinende Selbst. Manas bzw. Citta ist berührbar, beeinflussbar, veränderlich und wechselhaft, steht somit im Gegensatz zur unveränderlichen Sonne. Die Aufgabe des Mond-Bewusstseins ist es u.a., das strahlende Licht der Sonne zu reflektieren, es für das menschliche Bewusstsein in kleinen Portionen leichter aufnehm- und verdaubar zu gestalten.

In der theosophischen Literatur (Alice A. Bailey) wird dem Mond eine Beziehung zu Vergangenem zugeschrieben. Er fasst in seiner esoterischen Bedeutung die Begrenzungen und gegenwärtigen Hindernisse im Leben zusammen und soll „das Gefängnis der Seele“ anzeigen. Der Mond sei „ein Hindernis im Raum, eine unerwünschte Form, die eines Tages verschwinden muss“. Seine heutige Wirkung sei das Ergebnis einer „machtvollen, uralten Gedankenform“ (Bailey: Esoterische Astrologie).

Kombinieren wir die theosophische Sicht auf den Mond mit dem Wissensschatz des antiken Indien, können wir schlussfolgern, dass langfristiges Verharren des Bewusstseins in den Themen des Mondes Begrenzungen und Hindernisse im Leben erzeugt. Gibt sich der Mensch mit der Dimension des Mondes zufrieden, lebt er also vorwiegend bis ausschließlich in der Welt des meinenden Selbst und dessen Gefühlen und Denkprozessen, so verharrt er in einer „machtvollen, uralten Gedankenform“, die die Entfaltung der Seelenkräfte des schauenden Selbst (symbolisch die Sonne, oder in der Huber-Terminologie der Kreis in der Horoskopmitte) auf Dauer behindert.

mk_astronomieDie Mondknotenachse entsteht durch die Bahn des Mondes um die Erde. Der Mond umkreist in rund 27 Tagen einmal die Erde. Dabei schneidet er zwei Mal die Ekliptik (die scheinbare Sonnenbahn bzw. die Bahn der Erde um die Sonne). Diese beiden Schnittpunkte sind die Mondknoten. Der Moment, in dem der Mond die Ekliptik schneidet, um die nächsten zwei Wochen oberhalb (nördlich) der Erdbahn zu wandern, nennen wir aufsteigender oder nördlicher Mondknoten (indisch: Rahu). Wenn der Mond zwei Wochen später wieder die Ekliptik schneidet, um fortan südlich, unterhalb der Erdbahnebene zu wandern, nennt man diesen Schnittpunkt absteigender oder südlicher Mondknoten (indisch: Ketu). Diese beiden Punkte bilden die Mondknotenachse.

Die Mondknotenachse beschäftigt sich astro-psychologisch mit dem Vorgang der Individuation. „Wir sehen hier Kräfte am Werk, die das getrennte „Ich“ [das meinende Selbst] und das größere „Selbst“ [das schauende Selbst] zu integrieren suchen; die Fähigkeit, neue Substanz des Lebens zu assimilieren [aufsteigender Mondknoten] und jene Werte zurückzuweisen, welche nicht mehr weiter nützlich sind, weil sie all dessen beraubt sind, was für die individuale Persönlichkeit von vitaler Notwendigkeit ist [absteigender Mondknoten].“ (Dane Rudhyar in „Astrologie der Persönlichkeit“)

Mondknotenhäuser

Mondknotenhäuser

Das Mondknotenhoroskop (MKH) der Astrologischen Psychologie basiert auf der Mondknotenachse als Horizontebene: der aufsteigende Mondknoten wird zum Aszendenten des Mondknotenhoroskops, der absteigende Mondknoten zum Deszendenten. Das Mondknoten-Häusersystem entspricht der Mondbahn um die Erde. Da die Mondknoten rückwärts durch den Tierkreis wandern, ist auch das Häusersystem des MKH „retrograd“. Aus praktischen Gründen wird jedoch das Häusersystem auch im MKH wie üblich gegen den Uhrzeigersinn eingezeichnet, dafür der Tierkreis in „falscher“, weil rücklaufender Richtung. Auf das Zeichen Widder folgt nicht der Stier, sondern das Zeichen Fische usw. Die Aspekte der Planeten untereinander verändern sich nicht zwischen Grund- und Mondknotenhoroskop. Es fallen nur die Aspekte zum Mondknoten weg, denn dieser wird zum Aszendenten des Mondknotenhoroskops. Der Aszendent des Grundhoroskops wird im Gegenzug in das Mondknotenhoroskop als aufsteigender Mondknoten eingezeichnet. Das Aspektbild im Mondknotenhoroskop weicht entsprechend nur in der Aspektierung des Mondknotens vom Radixhoroskop ab.

Radix und Mondknotenhoroskop C.G. JungDas Grundhoroskop (Radix) basiert auf dem mit dem Aszendenten beginnenden Häusersystem, welches auf die irdischen Realitäten bezogen ist und unsere äußere Formkonstellation zum Ausdruck bringt. Das Mondknotenhoroskop ist demgegenüber ein Horoskop der Mondbahn und spiegelt Bewusstseinsinhalte der astrologischen Bedeutungsebene des Mondes wider. Die Bewusstseinsebene des Mondes wiederum orientiert sich an Vergangenem und Vertrautem. Sie bewahrt alle gemachten Wahrnehmungen, Erfahrungen und vollzogenen Schlussfolgerungen des Bewusstseins im Raum des Unbewussten auf.

Wir finden im Mondknotenhoroskop entsprechend all jene Bewusstseinsinhalte, die zu irgendeiner Zeit einmal bewusst und gegenwärtig waren und wieder ins Reich des Unbewussten versunken sind: das „Ex-Bewusstsein“.
Michael Huber

Die Tiefenpsychologie fasst das Unbewusste als einen Bereich der menschlichen Psyche auf, der dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, aber dennoch menschliches Denken, Fühlen und Handeln entscheidend beeinflussen kann. Sigmund Freud erkannte im Unbewussten ein System, das vor allem aus vergessenen, verdrängten oder abgewehrten Bewusstseinsinhalten besteht. Carl Gustav Jung ergänzte hierzu die Annahme des kollektiven Unbewussten: eine Lagerstätte verinnerlichter Erfahrungen der gesamten Menschheit im Verlaufe ihrer Evolution. Im Mondknotenhoroskop verdichten sich die Regionen des persönlichen und kollektiven Unbewussten in der Schattenpersönlichkeit.

Der Schatten ist all das, was ein Mensch an sich selbst nicht bewusst wahrnimmt – die „dunkle“ und unbekannte zweite Persönlichkeit.

„Die Inhalte des Schattens sind mächtig, durch Auftreten eines Affekts gekennzeichnet, zwingend, besitzergreifend und autonom – kurz: in der Lage, das wohlgeordnete Ich zu erschrecken und zu überwältigen. (…) Sie tauchen zunächst in der Projektion auf. Ist das Bewusstsein bedroht oder unsicher, dann manifestiert sich der Schatten als starke, irrationale Projektion positiven oder negativen Inhalts auf den eigenen Nachbarn.“ (aus: Wörterbuch Jungscher Psychologie, dtv-Verlag)

Im Unbewussten können auch „positive“ Elemente enthalten sein, die Jungs Zeitgenosse Roberto Assagioli dem „höheren Unbewussten“ zuordnete. Die Auffassung der durch das Mondknotenhoroskop umschriebenen Schattenpersönlichkeit geht damit über Jungs ursprüngliche Auffassung des Schattenarchetyps hinaus.

Integriert man in die astrologische Arbeit das Konzept der Reinkarnation, kann das Mondknotenhoroskop neben seiner Schattenqualität als Aufsummierung der Erfahrungen früherer Inkarnationen gedeutet werden. Es zeigt keine einzelne oder die letzte Inkarnation an, sondern die Summe der gemachten Erfahrungen, die in die Gegenwart des Hier und Jetzt hineinwirkt und menschliches Denken, Fühlen und Handeln maßgeblich beeinflussen kann. Oft erscheint dieser Einfluss des Mondknotenhoroskops dem Tag-Bewusstsein oder Außenstehenden irrational und den realen Gegebenheiten oder Erfordernissen nicht angepasst, denn im MKH sind die „Altlasten“ der Vergangenheit erkennbar – Verhaltensweisen und Qualitäten aus früheren Inkarnationen, die mit dem jetzigen Leben eigentlich nichts mehr zu tun haben und doch in in der Gegenwart Manifestationen hervorrufen können. Im Vergleich des Mondknotenhoroskops mit dem Grundhoroskop (Single- und Karma-Klick), werden Überlagerungen des Bewusstseins mit Themen der Vergangenheit, aufbewahrt im Unbewussten, erkennbar. Insbesondere das Mondknotenhoroskop kann aufzeigen, wann wir auf aktuelle Situationen mit reflexhaft erinnerten Mustern unseres tief unbewussten Denk-, Fühl- und Verhaltensrepertoires aus der Vergangenheit reagieren.

Fortsetzung: Mondknotenhoroskop in der Praxis

Lese-Tipps:
David Frawley: Astrologie der Seher (vedische Astrologie)
David Frawley: Vom Geist des Ayurveda
R. Sriram: Patanjali. Das Yogasutra
Bruno und Louise Huber: Mondknoten-Astrologie
Dane Rudhyar: Astrologie der Persönlichkeit
Alice A. Bailey: Esoterische Astrologie (und andere Werke)

Grafiken:
eigene (Sonne + Mond)
API (Michael Huber) mit eigener Bearbeitung
MegaStar

18. Mär 2012 – 10:00:15

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