Astronomische Sicht der Nakshatras

05. Dez 2012 – 08:46:03

In den vergangenen zwölf Monaten präsentierte ich hier im Starfish-Blog die 27 Nakshatras der indischen Astrologie. Auf der Wikipedia-Seite heißt es dazu:

Die Nakshatra (…) sind eine Einteilung der Ekliptik in 27 lunare Sterngruppen in der traditionellen indischen Astronomie und Astrologie.

Ekliptik (Wikipedia)

Ekliptik (Wikipedia)

Seit letztem Jahr hege ich großen Zweifel daran, dass die Nakshatras als Einteilung der Ekliptik in 27 Abschnitte aufzufassen sind. Der aufmerksame Leser wird in den letzten Monaten festgestellt haben, dass teilweise für den heutigen Astrologen ungewöhnliche, zuweilen sogar gänzlich unbekannte Sternbilder für die Nakshatra maßgebend sind, die ziemlich weit entfernt von der Ekliptik liegen. Mir fiel das schon zu Beginn meiner Beschäftigung mit der Vedischen Astrologie auf. Ich wurde beispielsweise mit dem Mond auf rund 10° Zwillinge im siderischen Zodiak im Nakshatra Ardra geboren. Vor sieben Jahren las ich erstmals das Buch von Prash Trivedi über die 27 Nakshatra, wo gleich zu Beginn des Kapitels über Ardra zu lesen ist:

Ardra, the seed of Rahu’s energy, consists of the bright star in the constellation of Orion, known in modern astronomy as Betelguese (Alpha Orionis).

Das Nakshatra Ardra erstreckt sich siderisch von 6°40′ bis 20°00′ des Ekliptik-Abschnitts Zwillinge. Der Fixstern Beteigeuze befindet sich siderisch jedoch auf 4°58′ Zwillinge, rein rechnerisch also nicht im Nakshatra Ardra, sondern im vorhergehenden Abschnitt Mrigashira. Wie ist das zu erklären? Mir konnte das viele Jahre niemand überzeugend erklären. Offenbar ist es kaum jemandem aufgefallen, oder es wird ignoriert, dass die traditionellen, in sehr alten vedischen Texten überlieferten Fixsternzuordnungen der Nakshatras gelegentlich überhaupt keinen astronomischen Sinn zu machen scheinen. Altair zum Beispiel, den ich in meinem letzten Eintrag über die Nakshatras beschrieb, befindet sich siderisch auf 7°54′ Steinbock, wird jedoch dem Nakshatra Shravana zugeordnet, das sich siderisch von 10° bis 23°20′ Steinbock erstreckt.

Der babylonische Sternenhimmel

Letztes Jahr wurde ich auf die Sumerische/Babylonische Astronomie und Astrologie aufmerksam, die einige Parallelen zur indischen Astrologie aufweist. Die Babylonier hinterließen ihr astronomisches Wissen und ihre Beobachtungen auf zahlreichen Keilschrifttafeln, die bis heute noch nicht vollständig in unsere Sprache übertragen sind. Die Sammlung MUL.APIN handelt vom „Weg des Mondes“, der aus Sicht der Sumerer und Babylonier auf drei Bahnen stattfand:

der nördliche Weg des Enlil,
der südliche Weg des Ea (oder Enki),
und der mittlere Weg des Anu.

Weg des Anu, Enlil und Ea

Weg des Anu, Enlil und Ea

Diese Namen bezeichnen sumerisch-babylonische Gottheiten. Der mittlere Weg des Anu ist nun nicht, wie man meinen sollte, etwa die Ekliptik, auf der sowohl der Mond als auch die mit bloßem Auge sichtbaren Planeten wandern, sondern der Himmelsäquator! Die Sonne befindet sich am Tag des Äquinoktiums (Tag- und Nachtgleiche) exakt auf dem Himmelsäquator, im Reich des Anu. Am Tag des Sommersolstitiums (0° Krebs tropisch) befindet sie sich am weitesten im Reich des Enlil oberhalb (nördlich) des Äquators, und am Tag der Wintersonnenwende (0° Steinbock tropisch) im Reich des Ea/Enki südlich (unterhalb) des Himmelsäquators. Die drei himmlischen Pfade der Sumerer/Babylonier geben Auskunft darüber, wo sich ein Planet oder eine Konstellation von Fixsternen bezogen auf den Himmelsäquator befindet.

MULAPIN

MULAPIN

Um auf mein Beispiel zurückzukommen: Der Fixstern Beteigeuze im Sternbild Orion liegt nahe dem Himmelsäquator, wie auch die Sternbilder Adler, Delphin und Pegasus. Die Nakshatras haben offenbar einen Bezug zum Himmelsäquator, und vielleicht auch zu den „göttlichen Wegen“ der Sumerer. Man weiß heute, dass „Abschriften“ des babylonischen MUL.APIN in früheren Jahrtausenden auch den Weg nach Indien fanden.

Oft ist es so, dass sich mir von selbst ganz neue Wege eröffnen, wenn ich nach jahrelangem Grübeln und Suchen auf eine heiße Spur gestoßen bin. So besuchte ich letztes Jahr erstmals seit langer Zeit aus allgemeiner Neugier die Webseite des amerikanischen Astrologen Ernst Wilhelm, den ich vor vielen Jahren bei einem Kongress für Vedische Astrologie in Bad Kreuznach kennenlernte. Ich war erstaunt zu erfahren, dass Ernst schon vor sieben Jahren dem siderischen Zodiak den Rücken gekehrt hatte, und außerdem die Nakshatra-Positionen nicht mehr ekliptikal berechnet, sondern auf den Himmelsäquator bezogen! Nach einer Phase der Prüfung hat mich diese Vorgehensweise überzeugt, denn nun gab es keine Unklarheiten mehr mit den alten vedischen Texten. Es ist jetzt nachvollziehbar, warum Beteigeuze der Stern Ardras ist, denn äquatorial berechnet befindet sich Beteigeuze im Abschnitt Ardra. Auch die Position Altairs fällt jetzt in sein Nakshatra Shravana.

Das Galaktische Zentrum

Auch die äquatoriale Berechnung lässt zunächst im Unklaren, wo die Nakshatras beginnen sollen, welcher siderischer Referenzpunkt ausschlaggebend ist. Das gleiche Problem besteht bekanntlich beim siderischen Zodiak. Wie soll man die Position von 0° Widder siderisch definieren? Hierzu herrschen in Indien unterschiedliche Meinungen. Die Mehrheit geht von der Position des Fixsterns Spica als Definition für 0° Waage aus (Lahiri-Ayanamsha), andere nehmen einen kleinen, unauffälligen Fixstern in der Konstellation Revati (Sternbild Fische) als Referenzpunkt für 0° Widder. Bei vielen Ayanamsha gibt es überhaupt keinen astronomischen Referenzpunkt mehr, weil sie rein aus der Empirie definiert sind (z.B. die Ayanamshas von Krishnamurti oder Richard Houck).

Milchstraße

Milchstraße

Ernst Wilhelm fand in alten indischen Schriften Hinweise, die ihn zum Galaktischen Zentrum (GZ) als Referenzpunkt führten. Siderisch befindet es sich im Sternbild Schützen (Sagittarius A) und im Bereich des Nakshatras Mula, dem wiederum alte vedische Texte die Fixsterne des Stachels des Skorpions zuordnen. Die Bedeutung des Nakshatras Mula („Wurzel“) hat sehr viel Ähnlichkeit mit den physikalischen (und philosophischen) Auswirkungen des Schwarzen Lochs im Zentrum des GZ. Wenn das GZ nun als Mitte des Nakshatras Mula genommen wird – denn es vereint in sich Themen des giftigen Skorpionstachels und der in die Zukunft gerichteten Entfaltungsmöglichkeiten des Schützen (viele junge, „heiße“ Sterne befinden sich in unmittelbarer Nähe des GZ) – dann entspricht der Oppositionspunkt des Galaktischen Zentrums dem Beginn des Nakshatras Ardra.

Eine Alternative ist, die Galaktische Ebene (Galaktischer Äquator) als Referenzpunkt für 0° Ardra zu nehmen. Nach einer mehrere Monate dauernden Testphase habe ich mich für die Variante „GZ = Mitte von Mula entschieden.

Das Galaktische Zentrum, der einzige wirklich fixe siderische Bezugspunkt für unsere Erde (denn auch Fixsterne haben eine Eigenbewegung, sind also nicht wirklich „fix“) gefällt mir als Ayanamsha-Referenzpunkt jedenfalls ausnehmend gut.

Die äquatoriale Berechnung der Nakshatrapositionen der Planeten ist sehr kompliziert und aufwändig, da mit Rektaszension (die Maßeinheit für den Himmelsäquator) und Formeln der sphärischen Trigonometrie gearbeitet werden muss. Um sich einen ungefähren Überblick zu verschaffen, wo diese äquatorial berechneten Nakshatras bezogen auf die Ekliptik beginnen, habe ich versucht, ihre Rektaszensionen (RA) auf die Ekliptik (tropischer Zodiak) zu übertragen. Die Werte sind als Annäherung für das Jahr 2000 zu verstehen.

Äquatoriale Nakshatra (GZ Mitte Mula)

Ernst Wilhelm hat diese äußerst anspruchsvollen Kalkulationen dankenswerterweise in seine Jyotish-Software Kāla als Berechnungsoptionen integriert. Wer sich diese Software nicht anschaffen möchte, kann online Horoskope auf der Webseite Vault of the Heavens berechnen lassen und erhält dort u.a. die äquatorial berechneten Nakshatra-Positionen der Planeten.

Die karmische Mondknotenachse und unsere Milchstraße

Samudra Manthan

Samudra Manthan

Die Mondknoten spielen in Bezug auf die Galaktische Ebene eine interessante Rolle. Das Nakshatra Mula wird bekanntlich vom absteigenden Mondknoten Ketu regiert, das gegenüberliegende Nakshatra Ardra vom aufsteigenden Mondknoten Rahu. Bei Komilla Sutton (Indische Astrologie) ist zu lesen, dass Rahu in Stier und Zwillinge als erhöht gelte, und Ketu im Skorpion und Schützen. Auf der Galaktischen Ebene befindet sich somit die mythologische Schlange Vasuki, mit der die Devas (Götter) und Asuras (Dämonen) den mythischen Milchozean (die Milchstraße) durchquirlten, bis der Trank der Unsterblichkeit Amrita in den Händen des göttlichen Arztes Dhanvantari aus den Fluten emporstieg. Wie ursprünglich vereinbart, wollten auch die Dämonen, unter ihnen die Schlange Vasuki, vom Amrita trinken. Sie wurden jedoch von den Göttern getäuscht. Nur Vasuki ließ sich nicht täuschen und trank den Nektar der Unsterblichkeit heimlich. Der Sonnen- und der Mond-Gott verrieten dies dem Herrn des Universums, Vishnu, der wütend sein „Sudarshan-Chakra“ (einen Diskus) nach Vasuki warf, der die Schlange in zwei Teile trennte: Rahu, der Kopf der Schlange, und Ketu, der Schwanz. Im abendländischen Denken stellte man sich den Dämon, der imstande ist, die beiden großen Lichter Sonne und Mond zu verfinstern, als Drache vor. Daher die Bezeichnung Drachenkopf für den nördlichen, aufsteigenden Mondknoten und Drachenschwanz für den südlichen, absteigenden Mondknoten.

Grafik:
Die Grafik „Wege des Anu, des Enlil und des Ea“ stammt aus dem API-Bildarchiv von Bruno und Michael Huber

3 Gedanken zu „Astronomische Sicht der Nakshatras

  1. Peter

    Klasse Beitrag und sehr interressant… aber mir, der dieses Thema noch nicht so recht durchblickt, stellt sich da eine Frage, vielleicht kannst Du sie mir da eben weiterhelfen?

    ZITAT:
    „Ich war erstaunt zu erfahren, dass Ernst schon vor sieben Jahren dem siderischen Zodiak den Rücken gekehrt hatte, und außerdem die Nakshatra-Positionen nicht mehr ekliptikal berechnet, sondern auf den Himmelsäquator bezogen!“

    „Bezogen auf den Himmelsäquator“ – bedeutet das also nun, dass statt dem siderischen einfach der „tropische“ Tierkreis verwendet wird, wie in der westlichen Astrologie?

    Lieber Gruß! :o)

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    1. starfish Beitragsautor

      Es bedeutet, dass Ernst Wilhelm für die Berechnung der Radix den tropischen Tierkreis nimmt und für die Berechnung der Nakshatra den Himmeläquator. Deshalb stimmt der eingangs zitierte Wikipedia-Eintrag nicht. Die Nakshatra sind eine Einteilung des Himmelsäquators in 27 Konstellationen.

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  2. Dorothea Geiger

    Danke zuerst kommt die Praxis ,dann die Theorie,danke für diese Seite auf der ich gefunden habe, was ich schon immer wusste über meine galaktische Heimat,danke für die Infos.

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