Die Zeichengrenze

In der Vorstellung der indischen Philosophie ist das Universum eine Manifestation des Gottes Vishnu (der „Alldurchdringende“). Alles, was ist, der Raum und die Zeit, ist Vishnu in Manifestation. Der Zodiak ist Kālarūpa, die Gestalt der Zeit, und gleichzeitig die Verkörperung von Kālapuruṣa, der personifizierten Zeit. Die zwölf Tierkreiszeichen sind seine Körperteile. Mit der Sonne auf 0° Widder beginnt für ihn ein neuer Zyklus, ein neues Jahr. Am Anfang und Ende dieser personifizierten Zeit treffen Avyakta (die unsichtbare, noch nicht manifestierte Urmaterie) und Vyakta (das Manifestierte) aufeinander. Diese Begegnung findet nicht nur auf 0° Widder, sondern an allen Zeichengrenzen des Zodiaks statt.

Betrachten wir nachts den Sternenhimmel, sehen wir den Raum als großes Dunkel, in dem vereinzelt leuchtende Objekte schweben – Sterne und Planeten. Ähnlich können wir uns den Tierkreis als eine Ansammlung (Menge, Haufen – rāśi) von Objekten (360 Tierkreisgrade zusammengefasst zu zwölf gleich großen Raumfeldern) vorstellen, die im unendlichen Raum schweben. An zwölf Stellen, den Grenzen der einzelnen „Raumfelder“ (Rashi = Zeichen), kann der grenzenlose, noch unbestimmte Raum für einen kurzen Moment in unsere Wahrnehmung eintreten. Diese Zeichengrenzen stehen in Verbindung mit Avyakta, dem in der Lücke der Zeichengrenze hervortretenden subtilen GEIST, dem alle Phänomene der materiellen Welt der Manifestationen entspringen (Avyakta). „Himmelsobjekte“, die sich nahe dieser Grenze befinden (plus/minus ein Grad), verfügen über einen direkten Zugang zum formlosen GEIST.

API-Grafik (Michael Huber)

Planeten in den Grenzgraden gelten als schwach gestellt, was ihre Versorgung mit Zeichenenergie anbelangt, denn in dieser Region ist sie wenig zeichentypisch geprägt. Steht ein solcher Planet jedoch gleichzeitig an einer Hausspitze, muss die Planeten-Fähigkeit erfolgreich in der Außenwelt umgesetzt werden, obwohl man zu wenig Substanz hat, um sie auf Dauer überzeugend zu leben. Anfangs kann diese Überbeanspruchung noch gut gehen, doch auf lange Sicht wird es anstrengend und unbefriedigend, mit der Möglichkeit von späteren Zusammenbrüchen.

Jean-Paul Sartre

Jean-Paul Sartre Ortshoroskop Paris

Unter dem Eindruck der deutschen Besatzung verfasste der französische Philosoph Jean-Paul Sartre im Jahr 1942 in Paris sein Hauptwerk Das Sein und das Nichts, das für den Existenzialismus der Nachkriegsjahre grundlegend werden sollte. In seinem Ortshoroskop für Paris lief der Alterspunkt in jenem Jahr über die Zeichengrenze Steinbock/Wassermann und befand sich somit im Grenzbereich beider Zeichen. In jenem Jahr warf der Alterspunkt außerdem einen Quincunx-Aspekt (der „lange Denk-Schritt“) zur Sonne (das denkende Ich) auf 29°40‘ Zwillinge. Sartres Persönlichkeit stand daher zeitlebens unter dem Einfluss der noch unbestimmten Urmaterie bzw. des subtilen GEISTES.

Richard Wagner

Liegt der Aszendent (Lagna) an einer Zeichengrenze, entscheidet bereits eine Minute Zeitunterschied über das aufgehende Zeichen, das im Altertum das gesamte 1. Haus repräsentierte und darüber hinaus den „Zustand“ (bhāva) der restlichen Zeichen des Tierkreises bestimmte. Es ist für den klassischen Astrologen daher unerlässlich, das korrekte Zeichen des Aszendenten zu kennen.

Für den bei Sonnenaufgang geborenen deutschen Komponisten Richard Wagner bedeutet dies, dass der Astrologe vor einer Deutung zunächst feststellen muss, ob der Aszendent in Stier oder in Zwillinge liegt. Liegt er in Stier (bis 04:04 LZ), stehen Merkur und Venus im Lagna. Es entsteht ein starkes Mahapurusha Yoga durch Venus im eigenen Zeichen im Lagna, von dem auch die von Merkur regierten Angelegenheiten profitieren. Außerdem bilden beide Planeten mit Jupiter in Löwe im 4. Bhava ein

Sarasvati Yoga
Merkur, Jupiter und Venus in einem Kendra, Trikona oder dem 2. Haus und Jupiter im eigenen Rasi, erhöht oder im Rasi eines Freundes.
„Ein Mensch von großen Geistesgaben, versiert in Dramaturgie, Prosa, Poesie, Dichtung, Balladen und im Auslegen heiliger Texte. Sein Ruhm breitet sich aus über die drei Welten, er ist von außerordentlichem Reichtum, glücklich, hat Ehefrau und Kinder und gebietet die Achtung der besten der Könige.“ (Kāla)

In Verbindung mit dem Rajayogakaraka Saturn im eigenen Zeichen Steinbock entsteht ein machtvolles Lakshmi Yoga:

Lakshmi Yoga
Der Herrscher von 9 und Venus in eigenen Rasis oder denen der Erhöhung und in Kendras oder Trikonas.
„Der Mensch wird frei sein von Krankheit, wohlhabend und glanzvoll und wird sein ganzes Volk beschützen. Als der Empfänger des Segens von Lakshmi wird er in schönen Sänften reisen, zu Pferde oder auf einem Elefanten und wird allzeit scherzen mit einem Fräulein von sehr liebenswürdiger Art. Als bester aller Könige wird er all seinen Untertanen wohlgefällig sein und freizügig in seinen Geschenken.“ (Kāla)

Mit einem Lagna in Zwillinge (ab 04:05 LZ) fallen beide Yogas weg. Kein Planet würde auf große Bekanntheit oder gar Ruhm hindeuten. Es wäre ein durchschnittliches Horoskop für einen durchschnittsbegabten Menschen. Deshalb ist davon auszugehen, dass Richard Wagner mit einem Stier-Lagna geboren wurde.

Liegt der Aszendent auf dem letzten Grad des Zeichens Stier, handelt es sich um eine Persönlichkeit auf dem 7. Strahl, der für Bruno Huber eine außerordentlich schöpferische Qualität besitzt. Immer wieder müssen die Dinge von Grund auf neu geformt werden gemäß der persönlichen Anschauung und Inspiration. Tatsächlich gilt Wagner mit seinen Musikdramen als einer der bedeutendsten Erneuerer der europäischen Musik im 19. Jahrhundert. Er konnte aus dem unendlichen Reservoir der Urmaterie bzw. des subtilen Geistes schöpfen.

Die Sonne auf dem ersten Tierkreisgrad des Zeichens Zwillinge (0°35‘ ♊) steht ebenfalls in Verbindung mit dem Unmanifestierten. Direkt am Aszendenten wird dieser Einfluss auch für das direkte Umfeld spür- und erfahrbar:

„Er sprach unglaublich viel und schnell, in monoton singendem sächsischem Dialekt; er sprach in einem fort und immer von sich selbst, von seinen Werken, seinen Reformen, seinen Plänen. Er war der personifizierte Egoismus, rastlos tätig für sich selbst, teilnahmslos, rücksichtslos gegen andere. Dabei übte er doch den unbegreiflichen Zauber, sich Freunde zu machen und sie festzuhalten. Die hypnotisierende Gewalt, welche Wagner nicht bloß durch seine Musik ausübte, sondern auch durch seine Persönlichkeit, reicht hin, ihn zu einer der bedeutendsten Erscheinungen, zu einem Phänomen von Energie und Begabung zu stempeln.“

– Eduard Hanslick: Aus meinem Leben. Berlin 1911.

James van Praagh

James van Praagh Radix

Das US-amerikanische Medium James van Praagh wurde mit einer gradgenauen Konjunktion zwischen Sonne und Merkur auf der Zeichengrenze Löwe/Jungfrau geboren. In esoterisch-spiritistischen Kreisen gilt van Praagh als eines der besten Medien der Welt. Er bewahrt sich nach eigener Aussage eine „gesunde Skepsis“ gegenüber seiner Arbeit und seinen Fähigkeiten. Er sei als Medium fähig, eine Verbindung zwischen der physischen und der Geistwelt herzustellen. Der Aszendent liegt ebenfalls auf einer Zeichengrenze, nämlich auf 0°11‘ Steinbock. Van Praagh ist erfolgreicher Produzent einer täglichen Talkshow über spiritistische Themen aus der Welt der Geister und einer Mini-Fernsehserie „Living with the Dead“ (Leben mit den Toten). Außerdem produzierte er die Reihe „Ghost Whisperer – Stimmen aus dem Jenseits“, die in den USA erstmals ab Herbst 2005 ausgestrahlt wurde, als der Alterspunkt in van Praaghs Horoskop die Sonne/Merkur-Konjunktion auf der Zeichengrenze Löwe/Jungfrau überlief. Die Serie wird auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

Jean-Michel Jarre

Jean-Michel Jarre Radix

Der französische Musiker wurde mit einem Sextil zwischen Uranus auf 29°47‘ Löwe und Sonne auf 0°51‘ Jungfrau geboren. Der Komponist, Performer und Musikproduzent ist weltweit als Pionier der Synthesizer-Musik bekannt und gilt vielen als „Godfather“ der elektronischen Musik. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Alben Oxygène (Sauerstoff) und Équinoxe (Äquinoktium), deren Klänge als musikalische Resonanz der Welt des subtilen GEISTES (Avyakta) anmuten. Im Jahr der Aufnahme des Albums Oxigène (1976) wechselte Jarres Alterspunkt in das Zeichen Steinbock und aspektierte das Sonne/Uranus-Sextil.

Adolf Hitler

Adolf Hitler Radix

In seinem Horoskop findet sich die Sonne ebenfalls auf einem Grenzgrad (0°48‘ Stier). Sein „Mental-Körper“ bzw. Denk-Ich wurde ebenfalls von der Qualität des 7. Strahles geprägt. Er glaubte sich mit übermenschlichen Kräften ausgestattet und wollte ein 1000jähriges Reich begründen, das jedoch nach zwölf Jahren in Schutt und Asche versank. Es kamen in erster Linie die Schattenseiten des 7. Strahles zum Vorschein: überbetonter Formalismus, sich übermäßig an Regeln und Formeln ausrichten, Bigotterie, Stolz, Engherzigkeit, schlechte Urteilskraft, Arroganz, Überbetonung von Routine, Aberglaube (Okkultismus).

Literatur:
Die drei Gunas
Die sieben Strahlen
Bruno und Louise Huber: Astrologie und die Sieben Strahlen. API-Verlag

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