Das Wintersolstitium im siderischen Tierkreis

10. Jan 2010 – 13:29:54

Die vedische Astrologie kennt neben den zwölf Tierkreiszeichen eine weitere Einteilung in 27 Mondkonstellationen, den Nakshatras. Ein Nakshatra umfasst 13°20′, das entspricht der durchschnittlichen täglichen Bewegung des Mondes. Mit den Nakshatra wird die Bewegung des Mondes vor einer bestimmten Sternkonstellation gewürdigt. Eine Übersetzungsmöglichkeit für den Begriff Nakshatra ist denn auch „Stern“. Jedes dieser Nakshatra kann wiederum in vier Teile aufgefächert werden, den Navamshas. Jedes Navamsha spiegelt eine bestimmte Zeichenqualität wider. Auf meiner Homepage kann die Berechnung der Navamsha nachgelesen werden (Rubrik Jyotish, Varga, Navamsha).

In den alten vedischen Schriften wurden Beobachtungen der Veden-Priester überliefert. Sie schenkten den Nakshatra, vor denen sich die Eckpunkte des tropischen Jahres (Äquinoktien und Solstitien) abspielten, besondere Aufmerksamkeit und stimmten vermutlich ihre religiösen Praktiken darauf ab. Der Autor Dr. David Frawley hat diesem Thema mehrere Bücher gewidmet. Wäre diese Tradition heute noch lebendig, hätten die Priester sicher der aktuellen Bewegung des Wintersolstitiums durch den siderischen Tierkreis Beachtung geschenkt. Es fällt auf, dass die Zeitspanne der Antike in etwa mit dem Durchlauf des Solstitiums durch das siderische Zeichen Steinbock zusammenfällt. Ab ca. 500 v. Chr. wechselte das Solstitium in das Nakshatra Uttara Ashada.

Solstitium im siderischen Tierkreis

Solstitium im siderischen Tierkreis

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Uttara Ashada wird von der Sonne regiert, die als Symbol des Bewusstseins der ewigen Seele (Purusha) steht. Das Nakshatra Uttara Ashada befindet sich mit dem ersten Viertel (= Navamsha) noch in Schütze, mit den drei anderen Navamsha jedoch in Steinbock. Die Navamsha selbst wiederum werden von Jupiter und Saturn beherrscht. Diese Kombination verbindet der vedische Astrologe Bepin Behari mit den Begriffen mentalen Aufruhrs, intensiven Leidens und dem Gefühl immenser Trostlosigkeit. Der Mensch steht vor der großen Prüfung, sowohl in der Welt als soziales Wesen mit anderen zu leben als auch die Verbindung zum inneren Selbst aufrecht zu erhalten. Es geht um das Gewinnen von Weisheit durch praktische Lebenserfahrung.

Der Zeichen-Wechsel des Solstitiums ging einher mit dem Ende des Altertums und Beginn des Mittelalters. Die Völkerwanderungen jener Phase fallen zusammen mit den Navamsha Schütze und Skorpion. Gemäß Shri Yukteshwar fällt die Zeit des Übergangs von Schütze zu Skorpion außerdem mit dem tiefsten Punkt des Kali Yuga (498  n. Chr.) zusammen. Es beginnt die „dunkle Phase“ des Mittelalters, in der viele Errungenschaften und Kenntnisse des Altertums verloren gingen.

Das Solstitium befindet sich nun im Venus-regierten Purva Ashadha. Von ca. 770 bis 1010 (die Jahreszahlen sind stark gerundet) steht das Solstitium zusätzlich unter Waage-Einfluss. Es ist dies u.a. die Phase der Vor-Romanik, während die Hauptphase der Romanik durch das Jungfrau-Navamsha und der Gotik durch das stolze Löwe-Navamsha geprägt wurde. Auch in diesem Nakshatra spielt die Spiritualität eine wichtige Rolle, wobei hier der Schwerpunkt auf einer latenten inneren Unzufriedenheit liegt, gegen die man den Kampf aufnehmen will. Die daraus resultierenden Aktivitäten können eine Verbesserung der Umstände bringen, können aber auch zu einem intensiven Kampf führen, bei dem das Ego die Herrschaft übernimmt anstelle der unsterblichen Seele. Die Auswüchse des abendländischen Klerus machen diesen Kampf anschaulich. Sie führten direkt in die anschließende Phase des Nakshatras Mula ab 1490, in Europa die Zeit der Renaissance: man erinnerte sich wieder der Meister und Weisen des Altertums, erkannte die Fehler der Zeit des vorhergehenden Venus-Nakshatra (Reformation) und entdeckte die materielle Welt neu.

Mula wird vom absteigenden Mondknoten Ketu regiert, der für tiefes Wissen aus früheren Inkarnationen steht, aber auch für die Gefahr, in der Endlosschlaufe vergangenheitsbezogener Automatismen hängenzubleiben. Mula weist auf einen rakikalen Wandel, eine Transformation der Wurzeln hin. Mula bedeutet übersetzt „Wurzel“. Das mentale Gleichgewicht gerät hier leicht aus den Fugen, denn es geht nun darum, die Gebundenheit an die Materie loszulassen zugunsten einer spirituelleren Ausrichtung. Dies geht in der Regel nicht ohne Konflikte vor sich. Die Jahre des ersten Navamsha Krebs sind durch Religionskriege gekennzeichnet, während die Zwillings-Phase ab 1730 mit dem Zeitalter der Aufklärung und der industriellen Revolution einhergeht.

Seit 1968 befindet sich das Wintersolstitium im Stier-Navamsha. Sicher ist es heute noch zu früh, zu einer abschließenden Deutung dieser Phase zu kommen, aber es bleibt festzustellen, dass seit 40 Jahren dem persönlichen Genuss mehr und mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

In 200 Jahren wird das Wintersolstitium in das Widder-Navamsha eintreten, wo sich auch das Galaktische Zentrum befindet. Es bleibt zu hoffen, dass die dunklen Kräfte des Egos bis dahin auf mundaner Ebene dem Licht der Selbst-Verwirklichung im Sinne Yoganandas ein wesentliches Stück weichen mussten.

Lese-Tipp:
Zeitalter im Hinduismus
David Frawley: Keys to the Yugas or Cycles of the AgesDavid Frawley: Secrets of the Yugas or World-Ages

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