4. Arbeit des Herkules

Die Arbeiten des Herkules

Die vierte Arbeit

Das Fangen des Rehs oder der Hindin – 1. Teil

(Krebs, 21. Juni – 21. Juli)

Die Sage

Der Große Eine, der den Vorsitz führt in der Ratshalle des Herrn sprach zu dem Lehrer, der an seiner Seite stand: «Wo ist der Sohn der Menschen, welcher der Sohn Gottes ist? Was macht er? Wie wird er erprobt und mit welchem Dienst ist er jetzt beschäftigt?»

Der Lehrer sagte, indem er sein Auge auf den Sohn der Menschen richtete, welcher der Sohn Gottes ist: «Nichts, im Augenblick, o Großer. Die dritte große Prüfung enthielt viel Lehrreiches für einen solchen Lernenden. Er grübelt und denkt nach.»

«Bereite eine Prüfung vor, die seine weiseste Wahl fordert. Sende ihn in ein Arbeitsgebiet, wo er entscheiden muss, welche Stimme von all den vielen Stimmen den Gehorsam seines Herzens wecken wird. Bereite gleichzeitig eine Prüfung vor von großer Einfachheit auf der äußeren Ebene, und doch eine Prüfung, die auf der inneren Seite des Lebens die Fülle seiner Weisheit und die Richtigkeit seiner Urteilskraft erwecken wird. Lass, ihn mit der vierten Prüfung fortfahren.»

Herkules stand vor dem vierten großen Tor – ein Sohn der Menschen und doch ein Gottessohn. Zuerst war tiefe Stille. Er äußerte kein Wort und keinen Laut. Hinter dem Tor breitete sich die Landschaft in schönen Linien aus, und fern am Horizont stand der Tempel des Herrn, der Schrein des Sonnengottes, die schimmernden Zinnen. Nahebei auf einem Hügel stand ein schlankes Reh. Und Herkules, der ein Sohn der Menschen und doch ein Sohn Gottes ist, beobachtete und lauschte, und lauschend hörte er eine Stimme. Die Stimme kam aus dem glänzenden Kreis des Mondes, dem Aufenthalt der Artemis. Und Artemis, die Schöne, sprach warnende Worte zu dem Menschensohn.

«Das Reh ist mein – so rühre es nicht an,» sagte sie. «Seit langen Zeiten zog ich es groß und pflegte es, als es noch jung war. So ist es mein, und mein muss es auch bleiben.»

Dann zeigte sich Diana, die Himmelsjägerin, Tochter der Sonne. Mit Sandalen bekleideten Füssen sprang sie zu dem Reh und beanspruchte es ebenfalls.

«Nicht so,» sprach sie, «Artemis, schönste Maid; das Reh ist mein, und mein muss es auch bleiben. Bis heute war es jung, jetzt aber kann es nützlich sein. Das goldgehörnte Reh ist mein, nicht dein; und mein muss es auch bleiben.»

Herkules, der zwischen den Säulen des Tores stand, lauschte und hörte den Streit, und wunderte sich sehr als die zwei schönen Maiden um den Besitz des Rehs stritten.

Eine andere Stimme drang an sein Ohr und sagte in gebieterischem Ton: «Das Reh gehört keiner von beiden, o Herkules, sondern dem Gott, dessen Schrein du dort auf fernem Berg siehst. Geh‘, rette es und trage es zur Sicherheit in den Schrein, und lass‘ es dort. Ein einfach, Ding zu tun, o Sohn der Menschen, jedoch – (und überlege meine Worte wohl) als Gottessohn kannst du das Reh suchen und behalten. Geh‘ nun voran.»

Durch das vierte Tor sprang Herkules und ließ alle Gaben zurück, die er erhalten hatte, um sich nicht zu belasten bei der schnellen Jagd die vor ihm lag. Aus der Ferne beobachteten ihn die streitenden Mädchen. Artemis, die Schöne, beugte sich aus dem Mond, und Diana, die schöne Jägerin der Wälder Gottes, verfolgten beide die Bewegungen des Rehs und im gegebenen Moment versuchten sie Herkules irrezuführen und seine Bemühungen zunichtezumachen. Er jagte das Reh von Ort zu Ort, und jede täuschte ihn mit schlauer List. Das taten sie immer wieder.

Während eines ganzen Jahres verfolgte der Menschensohn, der ein Sohn Gottes ist das Reh von Ort zu Ort, erhaschte flüchtigen Schimmer seiner Form, nur um von neuem zu entdecken, dass er es in der tiefen Wälder Weite verloren hatte. Von Hügel zu Hügel, von Wald zu Wald, jagte er es, bis er es nahe eines ruhigen Teiches schlafend fand, in voller Länge ausgestreckt auf unzertret’nem Gras, müde von langer Flucht.

Ruhigen Schrittes, mit ausgestreckter Hand und sicherem Auge, schoss er den Pfeil ab und verwundete das Tier am Fuß. Unter Einsatz seiner ganzen Willenskraft ging er nun näher, das Reh aber rührte sich nicht. So kam er ganz heran, nahm das Reh in seine Arme und drückte es ans Herz. Artemis und die schöne Diana sahen ihm zu.

«Die Suche ist vorüber,» sang er laut. «In nordische Dunkelheit ward ich geführt und fand kein Reh. Durch tiefes Wälder Dunkel erkämpfte ich mir den Weg, fand aber kein Reh; und über öde Ebenen, durch dürre Wildnis, verlassene Wüsten, verfolgte ich das Reh, doch fand ich es nicht. An jedem der erreichten Orte wendeten die Jungfrauen meine Schritte, doch ließ ich nicht nach, und jetzt ist das Reh mein! Das Reh ist mein!»

«Nicht so, o Herkules,» drang die Stimme an sein Ohr von einem, der dicht beim Großen Einen stand, der den Vorsitz führt in der Ratshalle des Herrn. «Das Reh gehört keinem Sohn der Menschen, auch wenn er ein Sohn Gottes ist. Trage das Reh zu jenem fernen Schrein, wo die Söhne Gottes wohnen, und lass es dort bei ihnen.»

«Warum das, o weiser Lehrer? Das Reh ist mein, mein durch langes Suchen und Wandern, und mein, weil ich es nah an meinem Herzen trage!»

«Und bist du nicht ein Gottessohn, obwohl ein Sohn der Menschen? Und ist der Schrein denn nicht auch deine Wohnung? Und teilst du nicht das Leben aller, die darin wohnen? Trag‘ nun das heilige Reh zum Schrein Gottes und lass‘ es dort, o Gottessohn!»

So brachte Herkules das Reh zum heiligen Schrein von Mykenä, trug es in das Innerste des heiligen Ortes und legte es dort nieder. Und als er es vor dem Herrn niederlegte bemerkte er die Wunde an dem Fuß, die durch den Pfeil des Bogens, den er besessen und gebraucht hatte, entstanden war. Das Reh war sein durch das Recht seiner Suche. Das Reh war sein durch das Recht seiner Geschicklichkeit und die Kraft seines Armes. «Das Reh ist deshalb doppelt mein,» sagte er.

Aber Artemis, die im äußeren Hof des höchsten Heiligtumes stand, hörte seinen Siegesruf und sagte: «Nicht so! Das Reh ist mein und war es immer. Ich sah seine Form, die sich im Wasser spiegelte; ich hörte seine Füße auf den Pfaden der Erde; ich weiß, das Reh ist mein, denn jede Form ist mein.»

Da sprach der Sonnengott aus dem Heiligtum: «Das Reh ist mein, nicht dein, o Artemis! Sein Geist verbleibt bei mir seit aller Ewigkeit – hier, im Innersten des heiligen Schreins. Hier kannst du nicht eintreten o Artemis, doch wisse, ich spreche die Wahrheit. Diana, jene schöne Jägerin des Herrn, mag einen Augenblick eintreten und dir sagen, was sie sieht.»

Für einen kurzen Augenblick trat die Jägerin des Herrn in den Schrein und sah die Form, die das Reh war, vor dem Altare liegen, scheinbar tot. Und sagte kummervoll: «Wenn aber sein Geist bei dir weilt, o großer Apoll, edler Sohn Gottes, dann wisse, das Reh ist tot. Das Reh wurde erschlagen von dem Mann, der ein Sohn der Menschen ist, wenn auch ein Gottessohn. Warum darf er in den Schrein, und wir müssen das Reh hier draußen erwarten?»

«Weil er das Reh auf seinen Armen trug, direkt an seinem Herzen. Am heiligen Ort findet das Reh Ruhe, und so auch der Mensch. Alle Menschen sind mein. Das Reh ist gleichermaßen mein, nicht dein; auch nicht des Menschen, sondern mein.»

Und Herkules, von seiner Prüfung heimkehrend, ging wieder durch das Tor und fand seinen Weg zurück zu dem Lehrer seines Lebens.

«Ich habe die Aufgabe erfüllt, die mir der Große Eine, der den Vorsitz führt, gestellt. Einfach war sie, außer der Länge der Zeit und der ermüdenden Suche. Ich hörte nicht auf jene, die auf das Reh Anspruch erhoben, noch zögerte ich auf dem Weg. Das Reh ist an dem heiligen Ort, nahe dem Herzen Gottes und gleicherweise – in der Stunde der Not, auch meinem Herzen nahe.»

«Geh‘, Herkules, mein Sohn, schau‘ nochmals durch die Säulen des Tors!» Und Herkules gehorchte. Hinter dem Tor erstreckte sich die Landschaft in schönen Linien, und am fernen Horizont stand der Tempel des Herrn, der Schrein des Sonnengottes mit schimmernden Zinnen. Und nahebei, auf einem sanften Hügel stand ein schlankes Reh.

«Bestand ich die Prüfung, o weiser Lehrer? Das Reh steht wieder auf dem Hügel, wo es schon früher stand!»

Aus der Ratshalle des Herrn, wo der Große Eine den Vorsitz führt, kam eine Stimme: «Wieder und immer wieder müssen alle Menschensöhne, welche die Söhne Gottes sind, nach dem goldgehörnten Reh suchen und es zu dem heiligen Orte tragen – wieder und immer wieder.»

Dann sagte der Lehrer zu dem Sohn der Menschen, der ein Sohn Gottes ist: «Die vierte Arbeit ist vollbracht. Doch der Natur der Prüfung und der Natur des Rehs gemäß, muss die Suche häufig sein. Vergiss das nicht, und denke nach über die gelernte Lektion.»

DER TIBETER

Synthese der Zeichen

Krebs ist das letzte der Zeichen, die wir die vier vorbereitenden Zeichen nennen könnten, ob wir nun die Involution der Seele in die Materie betrachten oder die Evolution des Aspiranten, der sich aus dem menschlichen Reich in das geistige Reich hindurchringt. Mit der Fähigkeit des Denkens im Widder ausgestattet, mit Begehren im Stier, und mit der Erkenntnis seiner wesentlichen Dualität in den Zwillingen, betritt das inkarnierte menschliche Wesen durch Geburt im Krebs das menschliche Reich.

Krebs ist ein Massen-Zeichen und nach Meinung vieler Esoteriker bringen die Einflüsse, die aus ihm strömen, die Formation der menschlichen Familie zustande, der Rasse, der Nation, der Familieneinheit. Wo es sich um den Aspiranten handelt, liegen die Dinge etwas anders, denn in diesen vier Zeichen bereitet er seine Ausrüstung vor und lernt, sie zu benützen. Im Widder erfasst er sein Denkvermögen, sucht es seinen Bedürfnissen anzupassen und lernt mentale Kontrolle. Im Stier, «der Mutter der Erleuchtung», empfängt er den ersten Blitz jenes geistigen Lichts, das zunehmend wachsen und strahlender wird, je mehr er sich seinem Ziel nähert. Im Zwilling anerkennt er nicht nur die zwei Aspekte seiner Natur, sondern es beginnt auch der unsterbliche Aspekt auf Kosten des sterblichen zu wachsen.

Im Krebs kommt er nun zum ersten Mal in Berührung mit jenem mehr universalen Sinn, welcher der höhere Aspekt des Massenbewusstseins ist. Er ist daher ausgerüstet mit einem beherrschten Denkvermögen, einer Fähigkeit, Erleuchtung zu registrieren, einem Vermögen, mit seinem unsterblichen Aspekt Kontakt herzustellen und das Reich des Geistes intuitiv zu erkennen. Nun ist er bereit für das größere Werk.

In den nächsten vier Zeichen, die wir als die Zeichen des Ringens nach Vollendung auf der physischen Ebene ansehen können, haben wir bildhaft den ungeheuren Kampf vor uns, durch den das selbstbewusste Einzelwesen, sich aus der Masse im Krebs erhebend, als das Einzelwesen im Löwen erkennt, als den potentiellen Christus im Zeichen Jungfrau, als den Aspiranten, der sich bemüht, die Gegensatzpaare in der Waage ins Gleichgewicht zu bringen, und als den einen, der im Skorpion die Illusion überwindet. Dies sind die vier Zeichen der Krise und des ungeheuren Bemühens. In ihnen werden Erleuchtung, Intuition und Seelenkraft, deren der Aspirant Herkules fähig ist, aufs äußerste nutzbar gemacht. Sie finden auch ihre Widerspiegelung auf dem involutionären Bogen, und es kann eine ähnliche Abfolge der Seelenentfaltung verfolgt werden. Die Seele erreicht Individualität im Löwen, wird zum Hüter von Ideen und potenziellen Möglichkeiten in der Jungfrau, schwingt heftig von einem Extrem ins andere in der Waage, und wird der disziplinierenden Wirkung der Welt der Illusion und der Form im Skorpion unterworfen.

In den letzten vier Zeichen haben wir die Zeichen des Erreichens. Der Aspirant hat sich aus der Welt der Verblendung und der Form herausgearbeitet und ist in seinem Bewusstsein frei von ihren Begrenzungen. Jetzt kann er der Bogenspanner im Schützen sein, der geradewegs ins Ziel schießt; jetzt kann er die Ziege im Steinbock sein und den Berg der Einweihung erklimmen; jetzt kann er der Weltarbeiter im Wassermann sein und der Welterlöser in den Fischen. So kann er in sich allen Gewinn aus der vorbereitenden Periode und den heftigen Kämpfen in den vier Zeichen anstrengender Tätigkeit zusammenfassen, und kann in den vier letzten Zeichen den errungenen Gewinn und die entwickelten Kräfte demonstrieren.

Diese kurze Zusammenfassung der Zeichen, wie sie auf Herkules einwirken, wird dazu dienen, eine Idee von der wundervollen Synthese des Bildes, vom stetigen Fortschritt und der beherrschten Entfaltung der verschiedenen Kräfte zu übermitteln, die ihre subtile Rolle spielen, um die Wandlungen im Leben eines Menschen zuwege zu bringen.

Drei Worte fassen das objektive Selbstgewahrsein oder den Bewusstseinsaspekt des sich entwickelnden menschlichen Wesens zusammen: Instinkt, Intellekt, Intuition. Das Zeichen, das wir jetzt studieren, ist vorwiegend dem Instinkt zugeordnet; aber die Sublimierung des Instinkts ist Intuition. In gleicher Weise, wie die Materie in den Himmel erhoben werden muss, so muss auch der Instinkt emporgehoben werden, und wenn er so emporgehoben und umgewandelt worden ist, offenbart er sich als Intuition (symbolisiert durch das Reh). Das Zwischenstadium ist der Intellekt. Die große Notwendigkeit für Herkules besteht nun darin, seine Intuition zu entwickeln und mit jenem plötzlichen Erkennen der Wahrheit und Wirklichkeit vertraut zu werden, welches das hohe Vorrecht und der machtvolle Faktor im Leben eines befreiten Sohnes Gottes ist.

Die Bedeutung der Erzählung

Eurystheus sandte daher Herkules aus, das goldgehörnte kerynitische Reh, oder die Hindin zu fangen. Das Wort Hindin stammt aus einem alten gotischen Wort und bedeutet «das, was ergriffen werden muss,» in einem Wort also das, was flüchtig und schwer zu hüten ist. Dieses Reh war Artemis, der Mondgöttin geweiht, aber Diana, die Himmelsjägerin, «die Tochter der Sonne», machte gleichfalls ihren Anspruch darauf geltend und es entstand ein Streit um das Besitzrecht. Herkules übernahm die Aufgabe des Eurystheus und machte sich auf, das sanfte Reh zu fangen. Er jagte es ein ganzes Jahr und wanderte von einem Wald zum anderen, erhaschte oft einem Blick auf das Reh, verlor es dann aber wieder aus den Augen. Monate vergingen, und nie konnte er es ergreifen und halten. Schließlich wurden seine Bemühungen von Erfolg gekrönt und er ergriff das Reh, nahm es auf seine Schultern, «hielt es nahe an seinem Herzen» und trug es zu dem heiligen Tempel in Mykenä, wo er es vor dem Altar am heiligen Ort niederlegte. Dann trat er zurück, erfreut über seinen Erfolg.

Dies ist eine der kürzesten Erzählungen, aber obwohl nur wenig gesagt wird, ist diese Arbeit, wenn man sie aufmerksam betrachtet, von tiefgründigem, außerordentlichem Interesse, und die Lektion, die sie enthält, voll tiefer Bedeutung. Es gibt für den Aspiranten keinen Erfolg, bis er Instinkt in Intuition umgewandelt hat, auch gibt es keine rechte Nutzung des Intellekts, ehe nicht Intuition ins Spiel kommt, die richtig interpretiert und den Intellekt erweitert, bis Verwirklichung erreicht ist. Dann ist der Instinkt beiden untergeordnet.

Das Fangen des Rehs oder der Hindin – 2. Teil

(Krebs, 21. Juni – 21. Juli)

Qualitäten des Zeichens

Das Sternbild Krebs heißt wie das Schalentier mit seinen scharfen Zangen, und die Griechen erzählen, dass es der Krebs war, der von Hera ausgesandt wurde, um Herkules in den Fuß zu beißen. (Wir begegnen diesem Symbol in der verwundbaren Ferse des Achill wieder). Das ist eine interessante Art, die Verbindlichkeiten des Inkarnationsprozesses auszudrücken und die Behinderungen zu veranschaulichen, welche die Seele umringen, wenn sie sich auf die Inkarnationsreise begibt. Es symbolisiert die Begrenzungen aller physischen Inkarnation, denn Krebs ist eines der zwei großen Tore des Tierkreises. Er ist das Tor in die Welt der Formen, in die physische Inkarnation, und ist darüber hinaus das Zeichen, worin die Dualität Form und Seele im physischen Körper vereint ist.

Das dem Krebs gegenüberliegende Zeichen ist Steinbock, und diese beiden bilden die zwei Tore: eines ist das Tor in das Formleben und das andere in das Leben des Geistes. Das eine Zeichen öffnet das Tor in die Massenform der menschlichen Familie, und das andere in das universale Bewusstseinsstadium, welches das Reich des Geistes ist. Das eine kennzeichnet den Beginn der menschlichen Erfahrung auf der physischen Ebene, das andere deren Höhepunkt. Eines zeigt die innewohnende Möglichkeit, das andere die Erfüllung.

Es wird uns gesagt, dass Christus dem Petrus die Schlüssel zu Himmel und Erde gab. Er gab ihm daher die Schlüssel zu diesen beiden Toren. Wir lesen:

«Jesus gibt Petrus … die Schlüssel zu den zwei Haupttoren des Tierkreises, welche die beiden Punkte der Sonnenwende sind, die Tierkreiszeichen Krebs und Steinbock, genannt die Tore der Sonne. Durch Krebs, oder das „Tor des Menschen“, steigt die Seele zur Erde nieder (um sich mit dem Körper zu vereinen) was ihren geistigen Tod bedeutet. Durch Steinbock, das „Tor der Götter“ steigt sie wieder zum Himmel auf. …» (E. Valentia Straiton, The Celestial Ship of the North. Bd. II. S. 206. «Das himmlische Schiff des Nordens»)

Im Zodiak von Denderah wird das Zeichen Krebs durch einen Käfer dargestellt, den ägyptischen Skarabäus. Das Wort Skarabäus bedeutet «der Einziggeborene». Es steht deshalb für Geburt in Inkarnation oder – in Beziehung zum Aspiranten für die neue Geburt. Der Monat Juni hieß im alten Ägypten «Meore», was wiederum «Wiedergeburt» bedeutet. So halten uns das Zeichen und sein Name ständig den Gedanken des Form-Annehmens und des Eingehens in physische Inkarnation vor Augen. In einem sehr alten Zodiak in Indien, etwa 400 vor Christus, ist das Zeichen ebenfalls durch einen Käfer dargestellt.

Der Chinese nennt dieses Zeichen «den roten Vogel», denn rot ist das Symbol des Begehrens und der Vogel ist das Symbol für das Inkarnieren einer Seele, des Erscheinens in Zeit und Raum. Der Vogel erscheint häufig im Zodiak, und in alten mythologischen Erzählungen steht «Hamsa», der Vogel der Hindutradition, «der Vogel aus Zeit und Raum» gleichfalls für die Manifestation Gottes und des Menschen. Aus der Dunkelheit schießt der Vogel hervor, fliegt über den Horizont in das Licht des Tages und verschwindet wieder in die Dunkelheit. (Unser Wort «Gans» stammt aus derselben Sanskrit-Wurzel über das Isländische, und wenn wir sagen «was bist du für eine Gans», dann machen wir eigentlich eine höchst esoterische Feststellung: wir sagen zu einem anderen menschlichen Wesen «du bist ein Vogel über Zeit und Raum – du bist eine Seele, die Form annimmt, ein Gott in Inkarnation»).

Der Krebs lebt halb auf der Erde und halb im Wasser. Er ist deshalb das Zeichen der Seele, die in einem physischen Körper weilt, aber vorwiegend im Wasser, dem Symbol der emotionalen Empfindungsnatur lebt.

Exoterisch wird Krebs vom Mond beherrscht, der immer die Mutter der Form ist und die Wasser und Gezeiten beherrscht. Deshalb ist in diesem Zeichen die Form vorherrschend und bildet ein Hemmnis. Der Krebs baut sein Haus oder seine Schale und trägt sie auf dem Rücken. Und Menschen, die in diesem Zeichen geboren sind, sind sich immer dessen bewusst, was sie geschaffen haben; sie sind gewöhnlich überempfindlich, über-emotional, und versuchen stets, sich zu verstecken. Der Krebsgeborene ist so sensitiv, dass er schwer zu behandeln ist, und so ausweichend und manchmal so unentschlossen, dass es schwierig ist, ihn zu verstehen oder ihn festzunageln.

Das Kardinale Kreuz

Krebs ist einer der Balken des kardinalen Kreuzes. Ein anderer Balken ist Widder, das Zeichen des Anfangs, des Beginns des subjektiven Lebens, des vorgeburtlichen Stadiums, der Involution, und der ersten Stufe entweder zum Annehmen der Form oder zu geistiger Befreiung. Ein dritter Kreuzesbalken ist Waage, das Gleichgewicht, das Wählen zwischen den Dingen, der Anfang des Betretens des «messerscharfen Pfads», auf den Buddha so häufig hinweist. Steinbock, der vierte Balken, ist wiederum Geburt, die Geburt des Welt-Erlösers, Geburt in das geistige Reich, Geburt aus der Welt der Materie in die Welt des Seins. Involution, Inkarnation, Ausdruck und Inspiration, sind die vier Worte, welche die Geschichte des kardinalen Kreuzes in den Himmeln ausdrücken. (Das Kreuz des Eingeweihten)

Die Sterne

Es gibt im Krebs überhaupt keine hellen, augenfälligen oder strahlenden Sterne, denn Krebs ist ein Zeichen des Verbergens, des Zurückziehens hinter das, was erbaut wurde. Es ist keine auffallende Konstellation. Interessant ist, dass es im Hebräischen kein Wort für «Krebs» gibt. Er wurde als unrein betrachtet und nicht erwähnt. So wird die materielle Form vom Standpunkt des Geistes her gesehen, und Esoteriker sagen, dass der physische Körper kein Prinzip sei. (Der ägyptische Skarabäus, der für Krebs steht, scheint die Qualität des Krebses in seinen höheren Aspekten darzustellen, wenn der Geborene ein Aspirant oder Jünger ist; bekanntlich gehen wir viele Male rund um den Tierkreis).

Sternbild Krebs

In diesem Zeichen sind 83 Sterne, von denen der strahlendste ein Stern dritter Ordnung ist, und im innersten Zentrum der Konstellation befindet sich ein Sternenhaufen, Praesepe oder die Krippe, der von modernen Astronomen «der Bienenstock» genannt wird. Letzterer ist ein wundervolles Symbol der kollektiven Organisation der menschlichen Familie. Das ist einer der Gründe, weshalb Krebs immer als ein Massenzeichen betrachtet wurde. In der Masse herrscht der Instinkt. Deshalb ist Krebs das Zeichen des Instinkts, des Herdenlebens, der Massenreaktion. Es repräsentiert das unterbewusste Denkvermögen, den angeborenen Erbinstinkt und die kollektive Einbildungskraft. Individuell steht er für die Ganzheit des Lebens, für das Bewusstsein der Körperzelle und für jenes instinkthafte kollektive Leben, das im Menschen weitgehend unterbewusst ist, aber immer seinen physischen Körper und subjektiv sein niederes Denken und emotionales Sein beeinflusst.

Der unterentwickelte Krebsgeborene geht in der Masse unter. Er ist ein bewusster Teil des großen Ganzen, und darin liegt das Problem sowohl für den durchschnittlichen Krebsgeborenen als auch für den Aspiranten, der die Aufgabe dieses Zeichens vollbringt, denn er ist dem Zwang unterworfen, sich aus der Masse herauszuheben, an die er durch den Instinkt gebunden ist. Er muss stattdessen Intuition entwickeln, die ihn befähigen wird, sich über den Instinkt zu erheben. Dieses Zeichen wird bei den Hebräern manchmal «der Sarg» genannt, weil es Verlust der Identität kennzeichnet. Die ersten Christen nannten es «das Grab des Lazarus», der von den Toten auferstanden war. In diesen Worten «Sarg», «Grab», und «Mutterschoß», das oft in Bezug auf Krebs verwendet wird, haben wir die Gedanken des verborgenen Lebens, einer verhüllenden Form; von den Möglichkeiten und jenem Ringen mit den Umständen, die schließlich im Löwen das Hervortreten des Einzelwesens verursachen werden, und schließlich im Steinbock die Geburt eines Welterlösers. Hier wird das Ringen geschildert, das im Aspiranten stattfindet, damit schließlich Instinkt der Intuition weichen kann.

Einswerdung mit Steinbock

Es ist interessant, die beiden Zeichen Krebs und Steinbock gegenüberzustellen, denn was im Krebs angedeutet wird, wird im Steinbock vollendet. Krebs repräsentiert das Heim, die Mutter. Krebs ist persönlich und emotionell, während Steinbock die Gruppe repräsentiert, in welche die Einheit bewusst integriert. Er repräsentiert auch den «Vater all dessen, was Ist». Das Tor des Krebses wird betreten durch den Prozess des Übergangs aus dem animalischen Bewusstseinszustand in den menschlichen, während man das Tor des Steinbocks durch Einweihung durchschreitet. Das eine ist notwendigerweise unterbewusst und voll verborgener Möglichkeiten. Das andere ist selbst-einweihend, selbst-bewusst und machtvoll. Krebs repräsentiert die Massenform, die kollektive animalische Seele, Steinbock dagegen die Gruppe, die universale Seele.

Krebs wurde ursprünglich, als der Geburtsmonat Jesu bezeichnet. Steinbock ist, wie wir wissen, der Geburtsmonat des Christus, und seit Jahrhunderten wird der 25. Dezember als der Tag der Geburt des Welterlösers gefeiert. Aber in sehr alten Zeiten war der Geburtstag der Sonnengötter im Krebs. Es wird erzählt:

«Der Geburtstag des Kindes Jesus, der von den Priestern willkürlich festgelegt wurde, stellt einen ernsthaften Widerspruch dar, da uns erzählt wird, er wurde in einer Krippe geboren. Die Krippe ist im Zeichen der Sommer-Sonnenwende zu finden, der Konstellation Krebs, die das Tor der Sonne genannt wurde, durch das die Seelen aus ihrer himmlischen Heimat zur Erde niedersteigen sollen, ebenso wie sie zur Winter-Sonnenwende im Dezember wieder zu ihrer himmlischen Heimat zurückkehren sollen, in der Konstellation Steinbock, dem anderen Tor zur Sonne. Steinbock war das Zeichen, in dem die Sonnengötter zur Winter-Sonnenwende geboren und für die Söhne des Lichtes geheiligt werden.» (E. Valentina Straiton, «Das himmlische Schiff des Nordens», Bd. II, S. 205)

Symbole

Das astrologische Symbol für das Zeichen Krebs hat keinerlei Beziehung zur Krabbe oder dem Krebstier. Es ist zusammengesetzt aus «zwei Eselsschwänzen», und diese verbinden wiederum die Evangeliums Geschichte mit der Geschichte der Krippe. In Verbindung mit der Geburt Jesu erscheinen zwei Esel, der eine auf dem die Jungfrau nach Bethlehem reitet, vor der Geburt, und der andere auf dem sie nach der Geburt nach Ägypten ritt. Dicht beim Zeichen Krebs sind zwei strahlende Sterne zu sehen, der eine heißt Asellus Borealis oder der nordische Esel, und der andere Asellus Astralis oder der südliche Esel. Ein drittes Mal erscheint ein Esel, nämlich als Christus in Jerusalem einzog, während seines kurzen Augenblicks des Triumphs am Palmsonntag auf dem Rücken einer Eselin als dem Symbol der Geduld und Bescheidenheit, den Kronjuwelen der Größe. Verachtet also dieses Symbol nicht.

Jemand hat mit folgenden Worten den Grundton des Krebses auszudrücken versucht, wenn er zum ersten Mal betreten wird: «Eine sorgenvolle, kleine, unterirdische Stimme, eine leise, halb erfasste, halb ausweichende Melodie.»

Noch ist das Werk nicht vollbracht. Was einzig zu hören ist, ist der Ton möglicher Erfüllung. Was sich einzig vorfindet ist ein tiefinnerer Drang und eine Unzufriedenheit, die allmählich so stark wird, dass sie das verborgene, ringende Einzelwesen aus seiner Umgebung stabilisierter Weltzustände heraushebt und es zu dem ernsthaften Aspiranten macht, der keine Ruhe kennt, bis er aus dem Wasser emporkommt und stetig weitersteigt, bis er sich auf dem Gipfel des Berges im Steinbock befindet – der Geburt, nicht der Vollendung des Welterlösers. «Christus wurde im Steinbock geboren, erfüllte das Gesetz unter Saturn, leitete die Ära intelligenter Brüderlichkeit unter Venus ein, und ist das vollkommene Beispiel des Steinbock-Eingeweihten, der im Wassermann zum Weltdiener wird, und zum Welterlöser in den Fischen. Krebs lässt die Seele in das Weltzentrum ein, das wir Menschheit nennen. Steinbock gibt der Seele Einlass in das bewusste Teilhaben des Lebens jenes Weltzentrums, das wir Hierarchie nennen.»

(Esoterische Astrologie, S. 180)

Die drei symbolischen Konstellationen

Jesus wurde oft der gute Hirte genannt und als der Hirte geschildert, der seine Schafe hütet. Der Gedanke der Schafherde war im Denken der Menschen eng mit Christus verbunden. Mit dem Zeichen Krebs sind drei Konstellationen verknüpft: der Große Bär (Ursa Major), der Kleine Bär (Ursa Minor) und Argo. Der gebräuchliche westliche Name ist in der Tat Großer und Kleiner Bär. Aber es ist eines der Mysterien der Astronomie, wie der Name «Bär» mit diesen Sterngruppen verknüpft werden konnte, denn im chaldäischen, persischen, indischen und ägyptischen Zodiak ist nirgends ein Bär zu finden. Die allgemein gebräuchlichste Bezeichnung ist «Schafherde», und eine Analyse der hebräischen und arabischen Namen dieser Sterne ergibt folgende Bedeutungen der alten Namen: «Die kleinere Herde,» «die Schafherde», «das Schaf» und «das Schiff.» Im 34. Kapitel Hesekiel und im 10. Kapitel Johannes steht vieles, was sich auf diese Konstellation bezieht.

Kleiner und Großer Bär (Wagen)

Ursa Minor, der Kleine Bär, ist berühmt, weil sein hellster Stern der Polarstern, der Nordstern ist. In der Symbolik dieser beiden Konstellationen wird uns der Gedanke der Masse oder Gruppe vor Augen geführt, nämlich der bedeutsamste, im Zeichen Krebs vorangetriebene Einfluss; und im Symbol des Nordsterns ist der Gedanke eines Magnetsterns enthalten, einer magnetischen Anziehung, die den Pilger nach Hause zurückführt. Viele Esoteriker glauben, dass die menschliche Familie, das vierte Naturreich, allmählich während der annähernd 2000 Jahre ins Dasein kam, als unsere Sonne im Krebs stand.

Der Gedanke einer Masse von Tieren und von Grenzen, innerhalb derer diese Tiere oder Schafe eingesperrt sind sowie der Gedanke eines magnetischen Zentrums der Anziehung, werden uns auch in der Freimaurer-Tradition symbolisch veranschaulicht. In Kirchners «Ägyptische Planisphäre» ist Argo durch zwei Galeeren dargestellt (wie wir auch zwei Schafhürden haben) deren Vorderteile von Widderköpfen überragt werden, und das Heck des einen endet in einem Fischschwanz. Seht also, wie wir hier bildhaft die Erfüllung im Steinbock vor Augen haben, wo die Ziege den Gipfel des Berges erklimmt. Auch jener größere Zyklus wird veranschaulicht, der den Fortschritt der Seele von Krebs bis zum Steinbock umfasst, der jedoch im Widder beginnt und in den Fischen endet. Eine genaue Analyse des Symbolismus der zodiakalen Zeichen vertieft die starke Überzeugung der ewigen Verbildlichung der Wahrheit und die uns stets vor Augen gehaltene Geschichte der Evolution der Materie in der Form, des Bewusstseins, des Geistes und des Lebens.

Argo: Achterschiff (Puppis) – Segel (Vela) – Schiffskiel (Carina)

Argo erstreckt sich von Krebs bis zu Steinbock und ist eine der größten aller Konstellationen. Sie besteht aus 64 Sternen und ihr hellster ist Canopus. Ihre Symbolik umfasst daher das Leben des Aspiranten vom Zeitpunkt seiner Inkarnation, bis er sein Ziel erreicht. Wir benützen häufig das Wort «Schiff» in symbolischem Sinn und sprechen von «Staatsschiff lenken», «Lebensschiff in den Hafen steuern», dem «Schiff der Erlösung» etc. Damit wird immer der Gedanke von Sicherheit, von Fortbewegung verdeutlicht, vom Finden eines Auswegs, von einer Reise und vom Befördern einer Anzahl Pilger auf der Suche nach dem goldenen Schatz und nach dem neuen und freieren Heim.

Die Menschenpilger sind mit Instinkt begabt, und wenn sie die verschiedenen Konstellationen durchlaufen, die von diesem immensen Zeichen umfasst werden, zeigt sich dieser Instinkt in einem menschlichen Wesen als Intellekt, wenn es sein Selbstbewusstsein entwickelt, und es sich aus dem rein animalischen Stadium erhebt. Seine Entwicklung geht weiter bis zu dem Zeitpunkt, wenn sich der Aspirant wieder im Krebs befindet, nachdem er Runde um Runde auf dem Zodiak vorwärtsgeschritten ist und dem Problem gegenübersteht, jener flüchtigen, sensitiven, zutiefst okkulten oder verborgenen geistigen Intuition, die den Aspiranten fortan auf seiner jetzt einsamen Reise leitet, zu finden; er identifiziert sich nicht mehr mit der Masse und ist nicht mehr in ihr verloren; er ist nicht mehr eines der Schafe, das sicher im Pferch beschützt wird; er ist nicht mehr einer aus der großen Herde der Emigranten, sondern hat sich aus der Menge erhoben und hat den einsamen Weg aller Jünger betreten. Dann geht er den Weg des Leidens, der Erprobung und Prüfung, allein, als Einzelwesen, sich vorwärtsringend von Löwe bis Steinbock, bis die Zeit kommt, wo er mithilfe von Instinkt, Intellekt und Intuition, getrieben durch den Drang des Christuslebens, wieder in der Masse untertaucht und sich mit der Gruppe identifiziert. Er wird dann der Weltdiener im Wassermann und besitzt keinen Sinn für Sondersein mehr.

Der Zweck der Arbeit

Wir haben gesehen, dass die Hindin oder das Reh nach dem Herkules suchte, der Artemis, der Mondgöttin geweiht war, aber auch von Diana, der Himmelsjägerin und von Apollo, dem Sonnengott beansprucht wurde. Etwas, das oft von Studenten der Psychologie und von denjenigen übersehen wird, die das sich entfaltende Bewusstsein des Menschen prüfen, ist die Tatsache, dass es zwischen den verschiedenen Aspekten der menschlichen Natur keine scharfen Trennungslinien gibt, sondern dass sie lediglich Phasen einer einzigen Wirklichkeit sind. Die Worte Instinkt, Intellekt und Intuition sind nur verschiedene Aspekte des Bewusstseins, und der Reaktion auf die Umgebung und auf die Welt, in der sich das menschliche Wesen befindet. Der Mensch ist ein Tier, und gemeinsam mit dem Tier besitzt er die Qualität des Instinktes und der instinktiven Reaktion auf seine Umgebung. Instinkt ist das Bewusstsein der Form und des Zellenlebens, der Gewahr Seinsmodus der Form, und deshalb beansprucht Artemis, der Mond, der über die Form herrscht, das heilige Reh. An dem ihm zukommenden Platz ist animalischer Instinkt ebenso göttlich wie jene anderen Qualitäten, die wir im strengen Sinn als geistiger betrachten.

Aber der Mensch ist auch ein menschliches Wesen. Er ist rational, er kann analysieren, kritisieren, und besitzt jenes Etwas, das wir das Denkvermögen nennen. Außerdem besitzt er jene Fähigkeit intellektueller Wahrnehmung und Reaktion, die ihn vom Tier unterscheidet und ihm ein neues Feld der Wahrnehmung eröffnet, das aber trotz allem nur eine Erweiterung seines Reaktionsapparates und die Weiterentwicklung des Instinkts in den Intellekt ist. Durch ersteren nimmt er die Welt physischer Kontakte und emotionaler Zustände wahr, durch letzteren die Welt der Gedanken und Ideen, und ist so ein menschliches Wesen. Hat er das Stadium intelligenter und instinktiver Wahrnehmung erreicht, wird er von Eurystheus darauf hingewiesen, dass es noch eine andere Welt gibt, die er gleichfalls wahrnehmen kann, die aber ihre eigenen Kontaktmethoden und ihren eigenen Reaktionsapparat besitzt.

Diana, die Jägerin, beansprucht das Reh, denn für sie ist das Reh der Intellekt, und der Mensch der große Sucher, der große Jäger vor dem Herrn. Aber das Reh hat noch eine andere und schwerer fassbare Form, und nach dieser suchte Herkules, der Aspirant. Während eines ganzen Lebenszyklus jagte er danach, wie uns gesagt wird. Es war nicht das Reh als der Instinkt, nach dem er Ausschau hielt, noch war das Reh als Intellekt das Ziel seiner Suche. Es war etwas anderes. Und um diesem Anderen nachzujagen, verwandte er einen ganzen Lebenszyklus. Wir erfahren, dass er das Reh schließlich fing und in den Tempel trug, wo es vom Sonnengott gefordert wurde, der in dem Reh die geistige Intuition erkannte, jene Bewusstseinserweiterung und den höchstentwickelten Wahrnehmungssinn, der dem Jünger eine Vision neuer Kontaktbereiche vermittelt und ihm eine neue Daseinswelt eröffnet. Wie uns erzählt wird, geht der Kampf noch weiter zwischen Apollo, dem Sonnengott, der das Reh als Intuition erkannte, und der Himmelsjägerin Diana, die wusste, dass es der Intellekt war, und schließlich der Mondgöttin Artemis, die glaubte, es sei nur der Instinkt. Beide fordernden Göttinnen haben in gewisser Weise recht; und es ist das Problem des Jüngers, den Instinkt an dem ihm angestammten Platz korrekt und in rechter Weise zu benutzen. Er muss lernen, den Intellekt unter dem Einfluss Dianas, der Tochter der Sonne zu gebrauchen, und durch ihn mit der Welt der menschlichen Ideen und des menschlichen Wissensdrangs in Verbindung zu sein. Er muss lernen, diese seine Fähigkeiten in den Tempel des Herrn zu tragen, die dortige Umwandlung in Intuition zu erleben, und vermittels der Intuition die Dinge des Geistes wahrzunehmen, jene geistigen Wirklichkeiten, die weder Instinkt noch Intellekt ihm enthüllen können. (Wieder und wieder müssen die Söhne der Menschen, die auch die Söhne Gottes sind, diese geistigen Wirklichkeiten erneut erproben, auf dem nicht endenden Weg).

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