5. Arbeit des Herkules

Die fünfte Arbeit

Das Erschlagen des Nemeïschen Löwen

(Löwe, 22. Juli – 21. August)

Die Sage

Der Große Eine, der den Vorsitz führt, saß in der Ratshalle des Herrn und beriet den Plan Gottes für alle Menschensöhne, die auch die Söhne Gottes sind. Der Lehrer stand zu seiner Rechten und lauschte seinen Worten. Und Herkules ruhte von seinen Mühen aus.

Der große Eine Ratsvorsitzende in der Ratshalle des Herrn betrachtete den ermüdet ruhenden Krieger und beobachtete seine Gedanken. Dann sagte er zum Lehrer, der dicht an seiner Seite stand in der Ratshalle des Herrn: Die Zeit für eine gefürchtete Aufgabe rückt jetzt heran. Dieser hier, der ein Sohn der Menschen und doch ein Sohn Gottes ist, muss vorbereitet werden. Lass‘ ihn die Waffen sorgsam prüfen, die ihm zu eigen sind. Den Schild muss gut er reiben, bis er glänzt, die Pfeile in die Todeslösung tauchen, denn furchtbar und gefährlich ist die Arbeit, die nun kommt! Lass‘ ihn sich vorbereiten.

Doch Herkules, der nach den großen Mühen ruhte, kannte die Prüfung nicht, die vor ihm lag. Er fühlte seinen kühnen Mut. Er ruhte sich von seiner Arbeit aus, und immer wieder jagte er das heilige Reh hinter dem vierten Tor geradewegs zum Tempel des Herrn. Die Zeit kam, wo das scheue Reh den Jäger gut kannte, der es verfolgte. Es folgte zahm auf seinen Ruf. So nahm es Herkules wieder und wieder an sein Herz und suchte den Tempel des Herrn. So ruhte er.

Bis an die Zähne bewaffnet mit allen Gaben des Krieges und des Kriegers stand Herkules vor dem fünften Tor. Und als er so stand, sahen die zuschauenden Götter seinen festen Schritt, sein kühnes Auge und seine rasche Hand. Doch tief in seinem Herzen waren Fragen. «Was tu‘ ich hier,» so sagte er, «was ist die Prüfung und wozu versuche ich durch dieses Tor zu schreiten?» Und während er so sprach wartete er, lauschend auf eine Stimme. «Was tu‘ ich hier, o Lehrer meines Lebens, bewaffnet, wie du siehst, in voller Kriegsausrüstung? Was tu‘ ich hier?»

«Ein Ruf ist ausgegangen, o Herkules, ein Ruf aus tiefer Not. Dein äußeres Ohr hat nicht auf diesen Ruf geachtet. Und doch, dein inneres Ohr kennt gut die Not, denn es hat eine Stimme gehört, ja, viele Stimmen, die dir von dieser Not erzählen und dich zum Weitergehen treiben. Die Leute von Nemea suchen deine Hilfe. Sie sind in tiefer Trübsal. Der Ruf von deinem Mut ist weit hinausgedrungen. Sie bitten dich, dass du den Löwen tötest der ihr Land verwüstet und Menschenopfer reißt.»

«Ist das der wilde Ton, den ich nun höre?» frug Herkules. «Ist es das Brüllen eines Löwen, das ich höre in der Abendluft?» Der Lehrer sagte: «Geh» suche den Löwen, der das Land verwüstet, das jenseits des fünften Tores liegt. Das Volk dieses verwüsteten Landes lebt still hinter verschlossenen Türen. Sie wagen nicht mehr, ihren Pflichten nachzugehen, noch ihre Äcker zu bestellen oder zu säen. Von Nord bis Süd, von Ost bis West jagt der Löwe, und raubend erfasst er alle, die seinen Weg durchkreuzen. Sein schreckliches Gebrüll ist durch die ganze Nacht zu hören, und alle zittern hinter fest verschlossenen Türen. Was wirst du tun, o Herkules? Was wirst du tun?»

Und Herkules, mit lauschendem Ohr, reagierte auf die Not. Diesseits des großen Tores, welches das Land Nemea fest beschützte, ließ er die ganze Kriegsausrüstung fallen, behielt für den Gebrauch nur seinen Bogen und die Pfeile. «Was tust du jetzt, o Sohn der Menschen, der gleicherweise ein Sohn Gottes ist? Wo sind die Waffen und die starke Wehr?» «Dies stattliche Gehänge‘ von Waffen drückt mich nieder, verzögert meine Eile und hindert meinen Aufbruch auf den Weg. Sende den Leuten von Nemea jetzt die Botschaft, ich sei auf meinem Weg. Und bitte sie, ganz ohne Furcht zu sein.»

Von Ort zu Ort wanderte Herkules und suchte den Löwen. Er fand die Leute von Nemea, die sich hinter verschlossenen Türen verbargen, außer einigen wenigen, die sich aus Verzweiflung oder Not hinauswagten. Sie gingen auf der Landstraße im Tageslicht, aber voller Furcht. Zuerst begrüßten sie Herkules mit Freude und dann mit ängstlichen Fragen, als sie die Art seines Wanderns sahen, ohne Waffen oder viel Kenntnis über die Gewohnheiten des Löwen, mit nichts als einem Bogen und Pfeilen. «Wo sind deine Waffen, o Herkules? Hast du denn keine Furcht? Warum suchtest du den Löwen ohne Mittel der Verteidigung? Geh‘, hole deine Waffen und den Schild! Der Löwe ist wild und stark, und Zahllose hat er verschlungen. Warum so viel riskieren? Geh‘, suche deine Waffen und deine Ausrüstung der Stärke.» Aber ruhig, ohne Antwort, ging der Sohn der Menschen, der ein Sohn Gottes war, vorwärts auf seinem Weg, die Spur des Löwen suchend und seiner Stimme folgend.

«Wo ist der Löwe?» frug Herkules. «Hier ist der Löwe,» kam die Antwort. «Nein, dort!» befahl eine Stimme der Furcht. «Nicht so,» antwortete eine dritte, «ich hörte wild sein Brüllen über dem Berg in dieser Woche,» «und ich, ich hört‘ es auch, gleich hier, in diesem Tal, hier wo wir stehen!» Und wieder eine andre Stimme sagte: «Ich sah doch seine Spuren auf dem Weg den ich ging. So höre meine Stimme, Herkules, verfolge ihn zu seinem Lager!»

So verfolgte Herkules seinen Weg, furchtsam und doch ohne Furcht, allein und dennoch nicht allein, denn auf der Spur die er verfolgte standen andere und folgten ihm voll Hoffnung und zitternder Angst. Tagelang und durch mehrere Nächte suchte er den Weg und lauschte auf des Löwen Brüllen, während das Volk von Nemea hinter verschlossenen Türen kauerte.

Plötzlich sah er den Löwen. Er stand am Rand eines tiefen Dickichts junger Bäume. Als er den Feind nahen sah, und einen, der ganz furchtlos schien, brüllte der Löwe und die jungen Bäume bebten bei seinem Brüllen, die Nemeer flohen und Herkules stand still. Er fasste seinen Bogen und die Pfeile, und schoss mit sicherer Hand und geübtem Auge einen Pfeil nach der Schulter des Löwen. Genau flog er ins Ziel, doch fiel er auf die Erde, denn er konnte in die Schulter des Löwen nicht eindringen. Wieder und wieder schoss Herkules auf den Löwen, bis kein Pfeil mehr in seinem Köcher war. Dann kam der Löwe auf ihn zu, unberührt und unverwundet, und wild vor Zorn. Ganz furchtlos. Den Bogen auf die Erde werfend stürzte der Sohn der Menschen, der ein Sohn Gottes war, mit wildem Schrei dem Löwen entgegen, der auf dem Pfad stand und ihm den Weg versperrte, erstaunt über die Tapferkeit, die ihm bisher noch nicht begegnet war. Denn Herkules kam näher. Plötzlich wandte sich der Löwe um und sprang vor Herkules in das Dickicht am felsigen Rand eines steilen Bergwegs.

So ging die Verfolgung weiter. Und plötzlich, im Weitergehen auf dem Weg, verschwand der Löwe und war nicht mehr zu sehen und zu hören.

Herkules hielt inne auf dem Pfad und stand still. Er suchte nach allen Seiten, fasste fester seine starke Keule, die selbstgeschaffene Waffe, die Gabe, die er sich selbst vermacht hatte in lang vergangenen Tagen – seine sichere Keule. Nach allen Seiten suchte er; auf jedem Seitenweg, weiter, von einem Punkt zum nächsten auf dem schmalen Pfad, der steil den Berghang querte. Plötzlich kam er an eine Höhle und aus der Höhle kam ein starkes Brüllen, eine rasselnd wilde Stimme, die nun zu sagen schien: «Steh still, oder verlier dein Leben!» Und Herkules stand still und rief dem Volk des Landes zu: «Der Löwe ist hier! Erwartet meine Tat, die ich jetzt tue.» Und Herkules, ein Sohn der Menschen und doch ein Gottessohn, betrat die Höhle, ging durch die ganze dunkle Länge bis in das Licht des Tages. Er fand keinen Löwen, nur eine andre Öffnung in der Höhle, die in das Licht des Tages führte. Und als er dastand hörte er den Löwen hinter sich, nicht vorne.

«Was soll ich tun», sprach Herkules zu sich. «Die Höhle hat zwei Ausgänge und wenn ich zu einer eintrete, verlässt der Löwe sie durch den anderen. Was soll ich tun? Waffen helfen mir nicht. Wie töte ich den Löwen und rette das Volk vor seinen Zähnen? Was soll ich tun?» Und als er sich umsah, was er tun könnte, und auf das Brüllen des Löwen lauschte, sah er einen Holzstoß und eine Menge Äste und Bündel kleiner Zweige in der Nähe liegen. Er zerrte ihn zu sich mit aller Macht, legte die Äste und kleinen Zweige oben auf die Öffnung und versperrte so den Weg ins Tageslicht sowohl nach drinnen wie nach draußen, und sperrte so sich mit dem Löwen in die Höhle. Dann wandte er sich dem Löwen zu.

Rasch packte er den Löwen mit seinen beiden Händen, hielt ihn fest und würgte ihn. Nahe kam ihm sein Atem und versengte sein Gesicht. Er aber hielt immer noch die Kehle fest in seinem Würgegriff. Schwächer und schwächer wurde das Gebrüll des Hasses und der Furcht, schwächer und schwächer wurde der Feind der Menschen; tiefer und tiefer sank der Löwe zu Boden, doch Herkules hielt stand. So tötete er den Löwen mit seinen bloßen Händen, ohne Waffen, nur durch die eigene große Stärke.

Er tötete den Löwen, zog ihm das Fell ab und zeigte es dem Volk vor dem Eingang der Höhle. «Der Löwe ist tot!» riefen sie. «Der Löwe ist tot! Jetzt können wir leben, unser Land bebauen, die nötige Saat bestellen und in Frieden miteinander wandeln. Der Löwe ist tot, und groß ist unser Retter, der Sohn der Menschen, der ein Sohn Gottes ist, mit Namen Herkules!»

So kehrte Herkules im Triumph zurück zu dem Einen, der ihn ausgesandt hatte, seine Stärke zu prüfen, zu dienen und denen zu helfen, die in bitterer Not sind. Er legte die Haut des Löwen zu Füssen dessen nieder, welcher der Lehrer seines Lebens war, und erhielt die Erlaubnis, das Fell anstelle des schon abgenutzten zu tragen.

«Die Tat ist getan, das Volk ist frei. Es gibt keine Furcht mehr, der Löwe ist tot. Mit eigenen Händen würgte ich den Löwen und tötete ihn.»

«Wieder, o Herkules, schlugst du einen Löwen. Wieder würgtest du ihn. Der Löwe und die Schlangen müssen wieder und wieder erschlagen werden. Gut gemacht, mein Sohn. Geh, und ruhe dich aus in Frieden mit denen, die du von der Furcht befreit hast. Die fünfte Arbeit ist vorüber. Ich gehe, dem Großen es zu sagen, der den Vorsitz führt und wartend in der Ratshalle des Herrn verharrt. Ruhe jetzt aus in Frieden.»

Und von der Ratshalle kam die Stimme: «Ich weiß.»

DER TIBETER

Die Zahl Fünf

Im fünften Tierkreiszeichen, dem Löwen, vollbringt Herkules eine seiner historisch bekanntesten Aufgaben, denn die Tötung des Nemeïschen Löwen wurde immer in Verbindung mit Herkules erzählt, obgleich es beachtenswert ist, dass diese berühmte Aufgabe zu der Löwenhaut, die Herkules immer trug, keine Beziehung hat. Er trug nämlich das Fell jenes Löwen, den er erschlagen hatte, ehe er seine Arbeiten begann, und das war der erste Akt seines Dienens. Hierdurch bekundet er, dass er für Prüfung und Schulung bereit sei.

Numerologisch ist die fünfte einer der interessantesten Aufgaben, und um sie völlig zu verstehen, müssen wir die sie bezeichnende Zahl fünf in Betracht ziehen. Vom Standpunkt des Esoterikers ist fünf die Zahl des Menschen, nämlich weil er ein himmlischer Sohn Gottes ist, plus seiner Vierheit, die aus der vierfältigen Natur, dem mentalen, emotionalen, ätherischen Körper und der physischen Hülle besteht. In der Sprache des Psychologen ist der Mensch ein Selbst, eine Weiterführung mentaler, emotionaler Zustände und der Vitalität, einschließlich des Reaktionsapparates des physischen Körpers. In den vier vorausgehenden Tierkreiszeichen haben wir gesehen, wie diese vier zu der sich entwickelnden Seele in Bezug gebracht werden.

Im Widder zog die Seele jenen Typ Materie an sich, der sie befähigen würde, mit der Welt der Ideen in Beziehung zu treten. Sie kleidete sich in eine mentale Hülle. Sie fügte der Individualität jene Zusammensetzung mentaler Substanz hinzu, durch welche sie sich am besten ausdrücken konnte. Und der Mensch wurde eine denkende Seele. Im Stier wurde mit der Begierdenwelt Kontakt aufgenommen und ein ähnliches Verfahren verfolgt. Die Mittel wurden entwickelt, empfindungsmäßig mit der Welt des Fühlens und der Emotion in Kontakt zu kommen, und der Mensch wurde eine empfindende Seele. In den Zwillingen wurde durch das Zusammenbringen von den Energien der Seele und der Materie ein neuer, vitaler Energiekörper erbaut, und der Mensch wurde eine lebendige Seele, denn die beiden Pole waren nun in Verbindung gebracht, und der vitale oder ätherische Körper kam ins Dasein. Im Krebs, im Zeichen physischer Geburt und der Identifikation mit der Masse, wurde das Werk der Seeleninkarnation vollendet, und die vierfältige Natur war manifestiert. Der Mensch wurde zum lebendigen Akteur auf der physischen Ebene. Aber erst im Löwen wird er zu dem, was okkult der «fünfzackige Stern» genannt wird. Denn dieser Stern ist das Symbol der Individualisation, das Symbol der Menschheit, des menschlichen Wesens, das sich als das Selbst wahrnimmt. In diesem Zeichen beginnen wir die Worte «ich», «mir» und «mein» zu gebrauchen.

Die alte Weisheit des Ostens sagt uns, dass die Zahl fünf die okkulteste und bedeutsamste Zahl ist. Es heißt, dass die Gruppe himmlischer und geistiger Wesen, die auf Erden inkarnierten, sich durch die Vierheit offenbarten und so die Menschenfamilie ins Dasein riefen. Sie waren die fünfte Gruppe göttlicher Lebensäußerung und vereinten deshalb in sich die dualen Attribute des Universums, des geistigen und des physischen; sie vereinten in sich die beiden Pole. Sie waren exoterisch und esoterisch, objektiv und subjektiv. So haben wir die Zahl Zehn, die als die Zahl menschlicher Vollkommenheit und Vollendung gilt, die Zahl eines vollständigen, vollkommen entwickelten Wesens, des erreichten Ausgleichs zwischen Geist und Materie. Aber es ist die Zahl, worin der Geist die Materie nicht beherrscht, die Zahl des Aspiranten, dessen Ziel es ist, die Materie dem Geist unterzuordnen, und daher das Gleichgewicht der Zahl Zehn aufzuheben.

Diese alten Schriften des Ostens benützen einige interessante Ausdrücke zur Veranschaulichung dieser himmlischen Wesen, welche die Menschen unserer Zeit sind, die wir selbst sind – die Söhne Gottes in Inkarnation. Sie werden die Herren des Wissens und der Weisheit, die Herren des Willens und des Opfers, die Herren der grenzenlosen Hingabe genannt, und diese Bezeichnungen, welche die geistige Wesenheit kennzeichnen, die jeder menschlichen Form innewohnt, verdienen vonseiten derjenigen, die versuchen als bewusste Einzelwesen mit einem geistigen Ziel rund um den Zodiak zu wandern, genaueste Betrachtung. Durch unseren eigenen Willen, und in völliger Kenntnis dieser Tatsache, sind wir auf dieser Erde. Wir sind in manifeste Existenz gekommen, mit dem Willen, die Materie in den Himmel zu erheben. Dem Wesen nach und in Wirklichkeit ist der Mensch nicht das, was er zu sein scheint. Er ist im Wesentlichen das, was er im Wassermann demonstrieren wird, das dem Zeichen Löwe gegenüberliegt. Dann wird er zu einem Menschen mit universellem Bewusstsein, im Gegensatz zu der sich selbst behauptenden Individualität des Löwetyps. Das Einzelwesen im Löwen wird zum Eingeweihten im Steinbock, demonstriert sich dann als der vollkommene Mensch im Wassermann, und das wurde nur möglich durch die grenzenlose Hingabe an ein dunkel erfühltes Ziel, das ihn immer wieder rund um den Zodiak getragen hat, bis volles Selbst-Bewusstsein erreicht war.

Die Anwendung des Fünften Gebotes und dessen Beziehung zur fünften Aufgabe und dem fünften Tierkreiszeichen wird so offenbar. «Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest in dem Land, das dir der Herr, dein Gott, gegeben hat.» Denn im Löwen begegnen sich Vater-Geist und Mutter-Materie im Einzelwesen, und ihre Vereinigung verursacht jene bewusste Wesenheit, die wir die Seele oder das Selbst nennen. Ebenso jedoch, wie dies das Zeichen ist, in dem sich der Mensch als das Einzelwesen erkennt und den Zyklus der Erfahrung beginnt und Wissen erlangt, ist es auch das Zeichen, in dem der selbstbewusste Mensch seine Schulung für Einweihung beginnt. In diesem Zeichen haben wir die letzte der Prüfungen auf dem Probepfad. Wenn die Aufgabe dieses Zeichens getan ist, hat definitiv die Schulung für Einweihung im Steinbock begonnen. Ein gewisses Maß an Gedankenkontrolle wurde im Widder erlangt, und im Stier ein gewisses Ausmaß von der Macht, Begierde umzuwandeln. Die Äpfel der Weisheit wurden im Zeichen Zwillinge gepflückt und der Unterschied zwischen Weisheit und Wissen einigermaßen begriffen. Im Krebs wurde die Notwendigkeit erfasst, Instinkt und Intellekt in Intuition umzuwandeln und beide in den Tempel des Herrn zu tragen.

Die Erzählung des Mythos

Nach einer relativ einfachen, gefahrlosen Arbeit im Krebs, bekommt Herkules die ungeheure Aufgabe von Eurystheus auferlegt, den Nemeïschen Löwen zu erschlagen, der das Land verwüstete. Lange Zeit hindurch war der Löwe eine zerstörerische Kraft und das Volk war unfähig, etwas dagegen zu tun. Herkules erkannte, dass der einzige Weg, sein Ziel zu erreichen darin bestand, den Löwen in immer engeren Kreisen zu verfolgen, bis er ihn in einer Höhle gestellt hatte. Das tat er dann auch und folgte seiner Spur bis zu seinem Lager.

Nachdem er in diesen einleitenden Stufen erfolgreich war, machte er die unangenehme Entdeckung, dass die Höhle zwei Ausgänge hatte und dass der Löwe, wenn er ihn am einen Ende hineinjagte, auf der anderen Seite entwich. So konnte er also nichts anderes tun als die Jagd zu unterbrechen und den einen Ausgang zu blockieren, was er auch tat. Dann jagte er den Löwen durch die freie Öffnung in die Höhle hinein. Nachdem er alle Waffen ablegte, auch die selbstgemachte Keule, ging er in die Höhle und würgte den Löwen mit seinen bloßen Händen, bis er tot war. Das war eine Begegnung, die für niemanden sichtbar stattfand: Herkules und der Löwe in der dunklen Finsternis der Höhle, beide in einem Kampf, der nur tödlich enden konnte.

Das Feld der Arbeit

Das Zeichen Löwe ist einer der vier Balken des fixen Kreuzes in den Himmeln, des Kreuzes, auf dem der kosmische und der individuelle Christus auf ewig gekreuzigt werden. Vielleicht bekäme das Wort «gekreuzigt» eine andere Bedeutung, wenn es durch das Wort «geopfert» ersetzt würde, denn während der Entfaltung des Christus-Bewusstseins in der Form werden Stufe um Stufe verschiedene Aspekte der göttlichen Natur geopfert, dahingegeben.

Im Stier, dem Symbol der Schöpferkraft, die sich durch Begehren ausdrückt, sehen wir den niederen Aspekt der göttlichen Schöpferkraft, die sexuelle Begierde umgewandelt oder ihrem höheren Aspekt geopfert. Sie muss in den Himmel erhoben werden.

Im Löwen sehen wir kosmisches Denken sich als niederes Vernunftdenken im Einzelwesen auswirken, und dieser niedere Denkaspekt muss gleicherweise geopfert werden, denn das kleine Denken des Menschen muss dem universalen Denken untergeordnet werden. Im Skorpion, dem dritten Balken des fixen Kreuzes, finden wir kosmische Liebe oder kosmische Anziehung. Hier wird sie in ihrem niederen Aspekt gezeigt, und das nennen wir die große Illusion; im Skorpion sehen wir den Aspiranten auf dem Kreuz, wie er die Illusion der Wirklichkeit opfert. Im Wassermann sehen wir das Licht des universalen Bewusstseins das menschliche Wesen durchstrahlen, das Opfer des individuellen Lebens Zuwegebringen und sein Aufgehen im universalen Ganzen. Das ist die wahre Kreuzigung: das Spiegelbild wird zugunsten der Wirklichkeit, der niedere Aspekt zugunsten des höheren, und die individuelle Einheit zugunsten des großen Ganzen geopfert. Diese Merkmale waren es, die Christus so wunderbar demonstrierte. Er zeigte sich als der Schöpfer. Er zeigte sich als der unter dem Einfluss des erleuchteten Denkens Wirkende; Er personifizierte in sich die Liebe Gottes und verkündete sich als das Licht der Welt. Das Problem, vor dem Herkules stand, war deshalb das Problem dieses Zeichens: die Kreuzigung des niederen Selbst und die Überwindung der individuellen Selbst-Behauptung.

Ursprünglich bestand der Tierkreis nur aus zehn Konstellationen und in einer faktisch nicht nachweisbaren Epoche waren die beiden Konstellationen Löwe und Jungfrau ein einziges Symbol. Vielleicht steht das Geheimnis der Sphinx damit in Verbindung, denn in der Sphinx haben wir den Löwen mit dem Haupt einer Frau, Löwe und Jungfrau, das Symbol des Löwen oder der königlichen Seele und deren Beziehung zur Materie, dem Mutteraspekt. Deshalb ist es möglich, dass sie die beiden Polaritäten männlich-weiblich und positiv-negativ darstellen soll.

Im Löwen finden wir einen besonders hellen Stern, der einer der vier königlichen Sterne der Himmel ist. Er heißt Regulus, der Herrscher, der Gesetzgeber, der in seiner Sinngebung den Gedanken enthält, dass der Mensch jetzt für sich selbst Gesetz sein kann, denn er trägt das in sich, was der König oder Herrscher ist. Verborgen in dieser Konstellation ist auch eine hell glänzende Sternengruppe zu sehen, die «Sichel» genannt. Für die alten Eingeweihten, die alle äußeren Konstellationen als eine Personifizierung von Kräften sahen und als Symbole eines sich entwickelnden Dramas, weit größer als sie selbst verstehen konnten, übermittelte diese Konstellation drei Hauptgedanken: Erstens, dass der Mensch der Herrscher sei, der König, der inkarnierte Gott, ein individueller Sohn Gottes; zweitens, dass der Mensch vom Gesetz beherrscht sei, vom Gesetz der Natur, vom Gesetz, das er sich selbst macht, und vom geistigen Gesetz, dem er sich schließlich unterordnen wird; und drittens, dass es die Aufgabe des Einzelwesens ist, die «Sichel» anzuwenden und das herauszuschneiden oder abzumähen, was die Anwendung des geistigen Gesetzes und so das Aufblühen der Seele behindert.

Das Sternbild Löwe umfasst fünfundneunzig Sterne, und zwei davon sind Sterne erster Ordnung. Wie uns erzählt wird, bedeutete sein ägyptischer Name «ein Ausgießen», da der Nil zu dieser Jahreszeit das Land am ausgiebigsten bewässert. Das hat auch eine interessante esoterische Bedeutung, denn nach den Lehren der zeitlosen Weisheit kam die menschliche Familie ins Dasein durch das, was technisch «das dritte Ausgießen» genannt wird. Das war die Bezeichnung, die dem Hereinströmen einer großen Flutwelle von Seelen in animalische Körper gegeben wurde, also für die Bildung der menschlichen Familie, die ja aus individuellen Einheiten zusammengesetzt ist. Eine andere Bezeichnung für dieses «dritte Ausgießen» ist «Individualisation» – zu einem Individuum mit Selbstwahrnehmung werden, wodurch es mit den großen Geschehnissen im Zeichen Löwe verbunden wird.

Die fünfundneunzig Sterne in dieser Konstellation haben auch eine numerische Bedeutung, denn wir haben hier 9 x 10 plus 5. 9 ist die Zahl der Einweihung, 10 ist die Zahl menschlicher Vervollkommnung, und 5 ist die Zahl des Menschen. So erkennen wir in dieser Gruppierung von Sternen die Geschichte des Menschen, der Persönlichkeit, des Eingeweihten und seine letztliche geistige Erfüllung.

Die drei symbolischen Konstellationen

Eine unermesslich große Konstellation, «Hydra, die (Wasser-)Schlange» genannt, ist mit dem Zeichen Löwe verbunden. Hierin finden wir außerdem Crater, der Kelch, und Corvus, der Rabe. Alle drei umfassen in ihrer Sinngebung das Problem des Menschen, der Einweihung sucht. Sie zeigen ihm klar und deutlich das Werk, das er zu vollbringen hat. Wenn Löwe, der König, die Seele, das Werk beginnt, erkennt der Mensch, dass er den Kelch des Leidens und der Erfahrung trinken, die Schlange der Illusion überwinden, und die Raubvögel ausmerzen muss. Hydra, die Schlange, wird in den alten Bildern als eine weibliche Schlange dargestellt. Sie zieht sich über mehr als hundert Grade hin und wir finden sie unter den drei Konstellationen Krebs, Löwe mit Jungfrau.

Löwe (Leo) – Wasserschlange (Hydra) – Crater (Becher) – Rabe (Corvus)

Im Skorpion wird diese Schlange der Materie oder Illusion, mit der sich die Seele so lange Zeit identifiziert hat, schließlich überwunden. Sie umfasst sechzig Sterne, und wieder kommen wir mit einer bedeutsamen Zahl in Berührung, denn 6 ist die Zahl des Denkens, des schöpferischen Werks des universalen Denkens und der 6 Schöpfungstage. Im sechsten Zeichen Jungfrau haben wir die vollendete Form. Im Buch der Offenbarungen wird gesagt, dass das Zeichen des Tieres 666 sei, und Hydra, die Schlange liegt unter 3 Konstellationen und ihre Zahl ist 6, daher dreimal mächtig. 10 ist die Zahl der Vollendung. Die Zahl 6 drückt daher die Begrenzung der Körpernatur aus, die sich durch die Form auswirkt und durch die Nutzbarmachung der Persönlichkeit; sie symbolisiert Gott in der Natur, ob kosmisch oder individuell. Hydra, die Schlange, repräsentiert den Materieaspekt, wie er die Seele verhüllt und verbirgt.

Crater, der Kelch, hat 13 Sterne normaler Ordnung und etwa 90 kleine Sterne – obwohl einige astrologische Bücher behaupten, es seien 3 helle Sterne und 90 kleine. So haben wir wieder die Zahl der Materie oder des «Form-Nehmens», und dessen, was «die Abtrünnigkeit», oder «den Rücken zuwenden» genannt wird, wie es Judas Ischariot gegenüber der Seele oder dem Christus-Aspekt getan hat. Der Kelch bildet faktisch einen Teil des Körpers der Hydra, denn die Sterne am Fuß des Kelches bilden einen Teil des Schlangenkörpers, und beide Konstellationen beanspruchen sie für sich. Es ist der Kelch, den jedes Menschenwesen trinken muss, der gefüllt ist mit dem, was er aus seiner Erfahrung im Materiebereich herausdestilliert hat. Es ist der «Kelch der Verpflichtung» in bestimmten freimaurerischen Ritualen und symbolisiert das Trinken dessen, was wir selbst gebraut haben. Anders ausgedrückt kann dieselbe Wahrheit mit den Worten der christlichen Bibel gesagt werden: «Was der Mensch sät, wird er ernten.»

 

Drittens haben wir Corvus, den Raben, der auf der Schlange Hydra steht und nach ihr hackt. Er hat neun Sterne, wieder die Zahl der Einweihung. Das Alte Testament beginnt mit einem Raben, das neue mit einer Taube. Erfahrung beginnt mit dem Vogel der Materie und endet mit dem Vogel des Geistes. Es ist interessant zu beachten, dass im Wassermann – dem vollendenden Zeichen zum Löwen – Cygnus, der Schwan zu finden ist, das Symbol des Vogels des Geistes. In dem Buch «Die Stimme der Stille» lesen wir: «Und dann kannst du ausruhen zwischen den Schwingen des großen Vogels. O wie süß ist es, zwischen den Schwingen dessen zu ruhen, der weder geboren ist noch stirbt, sondern der das Aum ist durch ewige Zeiten.» Und in einer Fußnote bezieht sich H. P. B. auf den Vogel oder Schwan wie folgt: «Das Rig Veda sagt: … die Silbe A wird als der rechte Flügel des Vogels Hamsa betrachtet, U als sein linker Flügel und M als sein Schwanz. …» (Die Chakras, von C. W. Leadbeater).

Im Zodiak von Denderah wird Löwe und die drei zugehörigen Konstellationen als ein großes Zeichen geschildert, denn man sieht den Löwen auf die Schlange treten, Corvus der Rabe sitzt auf der Schulter des Löwen, während darunter eine gefiederte weibliche Gestalt (wieder das Materiesymbol) zwei Kelche hält, denn es ist immer der Kelch, der den Kelch der Erfahrung, den Kelch der Busse symbolisiert. Das ist der Kelch der Verpflichtung aus dem jeder Mensch trinken muss. Und dann ist da der Kelch, der dem Eingeweihten gereicht wird, auf den sich auch Christus im Garten Gethsemane bezog, als er bat, er möge von ihm genommen werden, wenn es möglich sei. Er hat ihn getrunken.

So sieht der Aspirant Herkules, der sich im Löwen zum Ausdruck bringt, den großen Kampf voraus, der vor ihm liegt: er weiß, dass sich seine Vergangenheit in der Zukunft erfüllen muss; er weiß, ehe er im Steinbock den Berg erklimmen kann, muss er die Hydra erschlagen; und er weiß, er darf nicht mehr länger der Rabe sein, sondern muss sich als Aquila offenbaren, der Adler im Skorpion, und als Cygnus, der Schwan im Wassermann. Das muss er im Löwen beginnen, damit er die «Kraft zu wagen» demonstrieren und dem schrecklichen Ringen, das in den nächsten drei Zeichen vor ihm liegt, mutig entgegensehen kann. Deshalb muss er den Löwen seiner eigenen Natur, den König der Tiere erschlagen, allein und ohne Hilfe, um so die Macht zu gewinnen, die Hydra im Skorpion zu überwinden.

Der Zweck der Arbeit

Zwei Gedanken, die der christlichen Bibel entnommen sind, fassen den Zweck dieser Arbeit zusammen. In dem Brief des Apostels Petrus finden wir die Worte: «Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.» Und in der Offenbarung 5, 5 finden wir die Worte: «Siehe es hat überwunden der Löwe, der da ist aus dem Geschlecht Juda, der Wurzel Davids, aufzutun das Buch und zu brechen seine sieben Siegel.»

Herkules, der Aspirant, die Seele, symbolisierte den Löwen, den Fürsten, den König, den Herrscher, und deshalb trug er symbolisch das Löwenfell. Der Nemeïsche Löwe steht im Wesentlichen für die koordinierte, dominierende Persönlichkeit, denn der Aspirant muss immer ein hoch entwickeltes Wesen sein.

Der Aspirant, dessen dreifache Aspekte des niederen persönlichen Selbst verbunden und verschmolzen, und daher überdurchschnittlich mächtig sind, wird häufig zu einer etwas schwierigen, mühsamen Person. Er besitzt ein Denkvermögen und gebraucht es auch. Seine Emotionen sind unter Kontrolle oder aber so mit seinen mentalen Reaktionen verschmolzen, dass sie zu einem ungewöhnlichen Machtfaktor werden. Daher ist er außerordentlich individuell, häufig sehr aggressiv, selbstbewusst und selbstzufrieden. Seine Persönlichkeit wird zwangsläufig in der Familiengruppe, Gesellschaft oder Organisation, mit der er verbunden sein mag, zu einer zerstörerischen Kraft. Deshalb muss der Aspirant, der Löwe von Juda, den Löwen seiner Persönlichkeit erschlagen. Da er sich aus der Masse erhoben und Individualität entwickelt hat, muss er nun das «erschlagen», was er selbst geschaffen hatte, er muss es hilflos machen. Selbstsucht, nämlich der Selbsterhaltungstrieb oder Instinkt, muss der Selbstlosigkeit weichen, was buchstäblich die Unterordnung des einzelnen unter das Ganze bedeutet.

Der Nemeïsche Löwe symbolisiert daher die machtvolle Persönlichkeit die ausartet und den Frieden des Landes bedroht. Welches ist nun die Lektion, die aus der Tatsache zu lernen ist, dass Herkules den Löwen in eine Höhle mit zwei Ausgängen verfolgte? Warum verstopft er die eine Öffnung und betritt die Höhle durch die andere? Und welches ist die geistige Lehre, die der traditionellen Sage zugrunde liegt, dass er dort den Löwen mit seinen bloßen Händen tötete?

In vielen dieser alten Erzählungen ist die wahre Bedeutung jahrtausendelang verhüllt und unerklärt geblieben. Erst in unseren Tagen und für die heutige Generation ist es möglich, dass die wahre esoterische Bedeutung zu Tage treten kann. Es ist eine interessante Tatsache, dass die Periode, in der wir jetzt leben, eine einzigartige Entwicklung kennzeichnet, welche die Entfaltung der gesamten Rasse betrifft. Es hat schon immer Manifestationen der Sonnengötter gegeben, und diese Aufgabe des Herkules ist immer wieder von einigen wenigen da und dort unternommen worden. Jede Nation hat hochentwickelte Aspiranten hervorgebracht, die den Löwen der Persönlichkeit in die Höhle verfolgten und ihn dort meisterten. Aber sie waren im Verhältnis zu den Myriaden menschlicher Einheiten eine sehr kleine Minderheit. Jetzt haben wir eine Welt voller Aspiranten; die kommende Generation wird in allen Nationen Tausende von Jüngern hervorbringen, und schon jetzt suchen Zehntausende nach dem WEG. Die breite Bevölkerungsmasse hat noch sehr wenig Individualität entwickelt, die Welt ist voll von Persönlichkeiten, und die Zeit ist gekommen, wo der «Löwe von Juda» über den Löwen des persönlichen Selbst herrschen muss. Wir sind nicht allein in unserem Ringen, wie es Herkules war, sondern wir bilden einen Teil einer großen Gruppe von «Sonnengöttern», die mit den vorbereitenden Prüfungen zur Einweihung ringen und mit den Problemen, welche die Entfaltung der Seelenkräfte bewirken werden.

Im Steinbock werden wir den Gipfel des Berges erklimmen, und da wir jetzt in das Wassermannzeitalter eintreten, sind die Aspiranten der Menschenrasse in der Lage, mit der Lektion des Dienens zu beginnen und universelles Bewusstsein zu erlernen. Wenn in zweitausend Jahren der Eintritt in das Steinbockzeitalter beginnt, wird sich eine ungeheure Zahl Eingeweihter versammeln und viele Hunderte Jünger werden den Berg der Einweihung und der Verklärung ersteigen. In der Zwischenzeit muss der Löwe der Persönlichkeit überwunden und die Höhle betreten werden.

In der Symbolik der Schriften der Welt finden die folgenschwersten Ereignisse jeweils an einem von zwei Orten statt: in der Höhle oder auf dem Berg. Christus wurde in einer Höhle (oder einem Stall) geboren; die Persönlichkeit wird in einer Höhle überwunden; die Stimme des Herrn wird in der Höhle vernommen, das Christus-Bewusstsein wird in der Höhle des Herzens genährt. Aber nach den Höhlenerfahrungen wird der Berg der Verklärung erstiegen, der Berg der Kreuzigung wird erreicht, dem schließlich der Berg der Auferstehung folgt.

Ich möchte hier die technische, vielleicht wissenschaftlichere Bedeutung dieser Höhle erwähnen, in die Herkules eintrat. In der arischen Rasse, zu der wir gehören, hat die mentale Entwicklung einen sehr hohen Grad erreicht, und das Bewusstsein der Menschen überall verlagert sich ständig mehr aus der emotionalen Natur – also aus dem Solarplexus-Zentrum – in den Mentalkörper und somit in den Kopf. Es gibt im Kopf eine kleine Höhle, eine kleine Knochenstruktur, die eine der wichtigsten Drüsen des Körpers schützt, die Hypophyse. Wenn diese Drüse voll und richtig funktionsfähig ist, haben wir eine abgerundete, aktive, selbstbeherrschte Persönlichkeit mit betont mentaler Aktivität und Ausdauer vor uns.

Diese Hypophyse ist zweifach konstruiert. In einem ihrer Lappen, dem Frontal- oder Vorderlappen befindet sich der Sitz des Vernunftdenkens, der Intellekt, und im anderen, dem Hinterlappen der Sitz der emotionalen, imaginativen Natur. Es wird auch gesagt, dass diese Drüse die anderen Drüsen koordiniert, das Wachstum kontrolliert und für das Leben wesentliche Bedeutung besitzt. Es ist interessant zu lesen, wie Louis Berman den Begriff Intellektualität definiert: «Die Fähigkeit des Denkens, seine Umwelt mithilfe von Begriffen und abstrakten Ideen zu kontrollieren.» Wo diese Drüse ungenügend entwickelt ist, entstehen emotionale und mentale Mangelerscheinungen. Viele Drüsenforscher und Psychologen haben sich ähnlich geäußert. [*Y4] In dieser Höhle hat der Löwe der entwickelten Persönlichkeit sein Lager, und hier muss der Sonnengott, Herkules, ihn überwinden.

Seit Jahrhunderten haben nicht nur die Ägypter, sondern vor allem die Hindus, die «Chakras» oder Kraftzentren im ätherischen Körper gekannt. Die Entdeckung des endokrinen Systems weist übereinstimmende physische Drüsen an denselben Stellen auf. Eine von diesen, die Hypophyse mit ihren zwei Lappen, symbolisiert die Höhle mit den zwei Öffnungen, von denen Herkules eine verschließen musste, ehe er die Persönlichkeit durch das höhere Denken beherrschen konnte. Erst als er die Öffnung der persönlichen Emotion verschlossen (den Hinterlappen) und sogar seine zuverlässige Keule weggeworfen, und sich dadurch symbolisch geweigert hatte, weiterhin ein persönliches, selbstsüchtiges Leben zu führen, konnte er durch die andere Öffnung eintreten, die durch den Vorderlappen repräsentiert wird, und den Löwen der Persönlichkeit in der Höhle überwinden. Diese Wechselbeziehungen sind so genau, dass sie im Kleinen wie im Großen ein ehrfurchtgebietendes Zeugnis für die fehlerlose Integrität des Plans darstellen. «Wie oben, so unten.» Ein erstaunlicher Zusammenhang zwischen biologischen und geistigen Wahrheiten.

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