Indische Mondphasen: 14. Tithi „Chaturdashi“

04. Mai 2012 – 11:52:52

14. Tithi – Chaturdashi Shukla Paksha – Rudra – aggressiv

14. Tithi Chaturdashi

14. Tithi Chaturdashi

Der vierzehnte und vorletzte Tag der ersten lunaren Monatshälfte, Chaturdashi, ist ein schwieriger und unruhiger Tag. Der Mond steht fast voll am Himmel und die Menschen werden launischer und aggressiver als sonst. Auch wenn es schwer fällt: heute ist kein günstiger Tag für wichtige, nach außen gerichtete Tätigkeiten. Vorteilhafter ist es, den Tag möglichst in Stille und innerer Einkehr zur Vorbereitung auf den morgigen Höhepunkt des Lunarmonats – die Vollmondphase – zu nutzen. 

Rudra (Wikipedia)

Rudra (Wikipedia)

Chaturdashi ist dem vedischen Gott Rudra geweiht. Rudra ist eine vedische Frühform des späteren hinduistischen Shiva. Rudra bedeutet übersetzt „der Brüllende“. Das Nakshatra Ardra wird von Rudra beherrscht. Rudra ist der Gott des Windes, des Sturmes, des Todes und der Zerstörung, aber auch der Heilung, denn durch seine Stürme wird die Atmosphäre von giftigen Dämpfen befreit. In vedischer Zeit waren die Menschen der Ansicht, dass ein Gott, der den Menschen Übel bringt – und Rudra galt als schrecklicher Gott, vor dem man sich in Acht nehmen musste – dass dieser Übel bringende Gott auch das Heilmittel gegen das Übel liefern kann, wenn man ihn darum bittet. Insofern besitzt auch Rudra einen Erlöseraspekt wie sein hinduistischer Nachfolger Shiva.

Tao-Aspekt

Tao-Aspekt

An Chaturdashi Shukla Paksha, dem 14. lunaren Tag der zunehmenden Mondphase, stehen Sonne und Mond in einer Aspektverbindung, die Tao (165°) genannt wird. Thomas Ring charakterisiert den 165°-Aspekt als „feinen, trennenden Schnitt“ und bringt ihn mit „schicksalhaften Trennungen“ und „seelischen Amputationen“ in Zusammenhang (Astrologische Menschenkunde, Band 1).

Bei Rudra (und Shiva) geht es immer um Transformation, um Erlösung und Befreiung von den „Übeln des Lebens“. Manchmal werden wir von den Dingen getrennt, die uns am Fortschreiten auf dem ureigenen Weg hindern könnten. Da wir uns noch in der hellen, zunehmenden Mondphase befinden, könnte uns der heutige lunare Tag Gelegenheit geben, in der Zurückgezogenheit zu erkennen, welche inneren Haltungen oder äußeren Handlungen auf unserem aktuellen Lebensweg als Hindernis aufgetreten sind, und diese zu verändern, d.h. uns von ihnen zu trennen, bevor das Schicksal diese Trennung vornimmt.

Im Monat Bhadrapada (August/September, der sechste lunare Monat des Jahres) wird an Chaturdashi Shukla Paksha „Anant Chaturdashi“ gefeiert. Einen Tag lang wird zu Ehren des Gottes Vishnu gefastet sowie Früchte, Süßigkeiten und Blumen geopfert. Ein in Kurkumapaste getauchter Seidenfaden mit 14 Knoten wird beim Meditieren um den rechten Arm gebunden. Dieses Ritual erinnert an die Geschichte Kaundinyas, ein junger Mann, der ein religiöses Ritual seiner Frau Sushila missachtete. Bei diesem Ritual band sie sich einen in Kurkumapaste getränkten Faden um den Arm, den sie 14 Jahre lang tragen musste, um Wohlstand und spirituelle Erfüllung zu erlangen. Ihr Mann Kaundinya glaubte jedoch, der Wohlstand, zu dem das Paar tatsächlich gekommen war, sei seinen eigenen Anstrengungen zu verdanken und nicht dem von seiner Frau verehrten „Anant“ (eine Manifestation des Gottes Vishnu). Er riss den Faden von Sushilas Arm und warf ihn ins Feuer. Prompt verließ das Paar das Glück und es stürzte in große Armut. Kaundinya erkannte, dass die Ursache für dieses Unglück seine Missachtung Gottes war, und er unterzog sich intensiven Bußübungen. Dann ging er auf die Suche nach dem von ihm beleidigten Gott. Schlussendlich erschien ihm auf seinem Weg Vishnu, der den aufrichtig bereuenden Kaundinya von seinem schweren Schicksal erlöste.

Heute geht es offenbar darum zu erkennen, dass nicht alle Aktivitäten der letzten dreizehn Tage bzw. unseres bisherigen Lebens unseren eigenen Fähigkeiten, unserem Wissen und unserer Intelligenz zu verdanken sind. Wir können versuchen herauszufinden, inwieweit die spirituelle Ebene (die Götter) uns bisher auf unserem Lebensweg geführt hat und Rudra, Shiva, Vishnu oder welchem Gott auch immer unser kleines (oder großes) Ego opfern.

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