Nakshatra Rohini, Hasta, Shravana (Mond)

01. Dez 2012 – 10:01:14

MondDer Mond steht in der indischen Astrologie für Manas, das die Welt „reflektierende Bewusstsein“. Häufig wird das Sanskritwort Manas in die deutsche Literatur mit „Geist“ übersetzt – ein schwammiger und mehrdeutiger Begriff der deutschen Sprache, der den Kern der Sache in Bezug auf die Bedeutung des Mondes leider nicht wirklich trifft. Eine mögliche Definition ist: das Bewusstsein im Allgemeinen, das, was über die Dinge nachdenkt und nachfühlt. Der Mond fühlt nicht nur, er denkt auch, er ist das Gemüt, das „abhängige, nachdenkende, meist konditionierte Bewusstsein“ (David Frawley). Oder auch: „das meinende Selbst“, in Anlehnung an einen Kommentar zum Yogasutra des Patanjali durch den Autor R. Sriram. 

Für den Mond haben die 27 Nakshatras eine besondere Bedeutung, denn er durchwandert jeden Tag ein neues. In der indischen Mythologie sind die 27 Nakshatras die Töchter des Daksha und alle wurden dem Mondgott Chandra (Soma) zur Ehe gegeben. Chandra bevorzugte Rohini vor allen anderen, weshalb die anderen eifersüchtig wurden und sich bei ihrem Vater Daksha beschwerten. Als dessen Einspruch bei Chandra keine Wirkung erzielte, verfluchte er den Mond, er solle abmergeln. Da bekamen die 27 Töchter Mitleid und baten um Gnade für Chandra. Daksha konnte den Fluch nicht mehr rückgängig machen, aber abschwächen, so dass der Mond seitdem 14 Tage lang abnimmt und dann wieder 14 Tage lang zunimmt.

Die Nakshatras beziehen sich unmittelbar auf das „reflektierende Bewusstsein“ und geben Auskunft darüber, was im Bewusstsein des Menschen vor sich geht. Den folgenden Nakshatras, die vom Mond beherrscht werden, ist das Guna Rajas gemeinsam. Rajas treibt den Geist an, lässt ihn rastlos die Welt der Objekte mit seinen Sinnesfunktionen abtasten und erzeugt „mit Leidenschaft das, was Leiden schafft“.

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Rohini

Nakshatra Rohini

Nakshatra Rohini

„wachsend; rötliche Kuh“
Gottheit: Brahma-Prajapati
Fixstern: Aldebaran im Sternbild Stier
Shakti: Wachstum
Obere Ebene: Pflanzen
Untere Ebene: Wasser
Ergebnis: die Schöpfung

Den vedischen Schöpfergott Brahma-Prajapati („Gott als Schöpfer, Herr der Geschöpfe“) stellte ich bereits vor in einem Text über die neu entdeckten Planeten Uranus, Neptun und Pluto in der indischen Mythologie und Astrologie. Brahma beginnt sein Schöpfungswerk, indem er das Chaos des Urozeans (Varunas Reich) anschaut. Sein Schauen lässt Mahat-Tattva, das Meer der Ursachen entstehen, die Formen der Materie, die im Urozean als Potenz vorhanden sind. Brahmas Körper teilt sich in eine männliche und eine weibliche Hälfte, seine Gefährtin Saraswati, die Göttin der Weisheit. Brahma vereint sich mit Saraswati und es entsteht Manu, der Stammvater der Menschheit.

Brahma

Brahma

Im Nakshatra Rohini geht es um Brahmas Schöpfungswerk, die Natur, um das Wachsen der Dinge und des (lunaren) Bewusstseins. Sein Stern ist Aldebaran, der helle, rötliche Hauptstern im Sternbild Stier (Rohini lässt sich auch mit „rötliche Kuh“ übersetzen!), das „Auge“ des Himmelsstiers. Aldebaran gehörte in babylonischer Zeit zu den vier königlichen Sternen (neben Regulus, Antares und Fomalhaut).

AldebaranStier

Aldebaran im Sternbild Stier

Rohini war die erklärte Lieblingsfrau des Mond-Gottes Chandra, obwohl er mit allen 27 Nakshatras verheiratet war. Deshalb werden angenehme Ereignisse, für die eine lange Lebensdauer erwünscht und beabsichtigt ist, zum Beispiel Hochzeiten oder Grundsteinlegungen, auf einen Termin gelegt, an dem vorzugsweise der Mond in Rohini steht. Die fixe (dhruva, sthira) Natur Rohinis begünstigt langfristige Effekte dieser Konstellation. Das Sternbild Stier kann allerdings mit seiner ausgeprägten Neigung zur Hingabe an den Genuss materieller Freuden des Lebens neben einem besitzergreifenden und festhaltenden Wesen eine Tendenz zu Neid, Missgunst und Eifersucht begünstigen.

Die mythologische Bevorzugung Rohinis durch den Mond kann als Hinweis auf die Gefahren der Verstrickung des (lunaren) Bewusstseins in die Welt der Materie verstanden werden. Das Eintauchen des Bewusstseins in die Materie ist mit Freuden und Annehmlichkeiten verbunden, und gleichzeitig mit Schmerzen und Tod (das Abnehmen des Mondes). Der zunehmende Mond macht wiederum jeden Monat aufs neue deutlich, dass es keinen endgültigen Tod gibt, sondern alles in der Welt der Materie ein Kreislauf von Werden, Vergehen und Neuwerden ist.

Fred Astaire, Joan Baez, Brigitte Bardot und Julie Delpy wurden jeweils mit Mond in Rohini geboren. Sie stehen beispielhaft für die Lebensfreude, Schönheit und das Gefühl der Verbundenheit mit und Verantwortlichkeit für Brahmas Schöpfung, für Mensch, Tier und Natur, die sie in Arbeit oder Privatleben zum Ausdruck bringen.

 

Hasta

Nakshatra Hasta

Nakshatra Hasta

„Hand“
Gottheit: Savitar
Fixstern: Alchiba, Kraz, Gienah, Algorab und Minkar im Sternbild Rabe (Corvus)
Shakti: die Fähigkeit, zu finden, was man sucht und es in Händen zu halten
Obere Ebene: das Suchen nach Gewinn
Untere Ebene: der Prozess des Gewinnens
Ergebnis: das, was man sich zu gewinnen wünscht, wird in die Hand gelegt

Sternbild Rabe (Corvus)

Sternbild Rabe (Corvus)

Savitar („Antreiber“) ist eine vedische solare Gottheit, die schon sehr früh mit Surya, dem vedischen Sonnengott, verschmolzen ist. Savitar ist die alles belebende Sonne, der schöpferische Wille, der das Universum erschafft. Er wacht über das Sternbild Rabe (Corvus), eine kleine Konstellation zwischen den Sternbildern Jungfrau und Hydra (Wasserschlange, siehe auch Ashlesha). Die Bezeichnung Rabe geht zurück bis in sumerisch-babylonische Zeiten (Kakkab Aribu).

Die griechischen Mythen, die mit dem Sternbild Rabe verbunden sind, ranken sich um Apollon, den Gott des Lichtes, der auch mit Helios gleichgesetzt wurde, dem griechischen Sonnengott. Apollon sandte einen Raben aus, das Wasser des Lebens aus einer Quelle zu holen. Der Rabe machte sich auf den Weg, sah allerdings unterwegs an einem Feigenbaum noch nicht ganz reife Früchte hängen, von denen er unbedingt kosten wollte. Also wartete er einige Tage, bis die Feigen reiften, und beendete erst nach deren Genuss seinen Auftrag. Um eine Entschuldigung für seine Verspätung zu haben, behauptete er, eine Wasserschlange habe ihn aufgehalten und den Weg zur Quelle versperrt. Apollon durchschaute die Lüge und bestrafte den Raben damit, dass er zur Zeit der Feigenreife nicht mehr trinken kann und versetzte ihn als Sternbild an den Himmel.

Surya Bhagwan

Surya Bhagwan

Diesen Mythos können wir wie folgt übersetzen: Der Rabe (der planetare Herrscher Mond) sollte für Apollon bzw. Savitar, das Höhere Selbst (die Sonne), eine Aufgabe erfüllen in der Welt draußen, aber der Rabe (der Mond) wurde abgelenkt durch die Verlockungen der Welt (die schmackhafte Feigenfrucht). Seine schlaue Ausrede erinnert an den Trickster Hermes-Merkur, Schutzgott der Redekunst (und der Lüge), der über das benachbarte Sternbild Jungfrau herrscht. Auf die Ekliptik projiziert teilen sich die Fixsterne des Raben den ekliptikalen Raum mit den Fixsternen der Jungfrau, weshalb die siderisch orientierte indische Astrologie merkuriale Themen der Jungfrau in Hasta erkennt. Der Name Hasta bedeutet übersetzt „Hand“, ein Körperteil, der in der Astrologie ebenfalls mit Merkur und seinem zweiten Herrschaftsbereich Zwillinge assoziiert wird. Merkur (Budha) ist in der indischen Mythologie Sohn des Mondgottes Chandra und seiner Lieblingsfrau Rohini, womit die enge Verbindung von Intellekt und Geist im Sinne des lunaren Bewusstseins des Mondes zum Ausdruck kommt.RabeCorvus

Ein Planet im Nakshatra Hasta ist fähig, was auch immer im Bewusstsein an Wünschen und Zielen motivierend wirkt, auf zweckmäßige und praxisorientierte Art und Weise anzustreben und sich das Gewünschte anzueignen, es zu ergreifen und festzuhalten (die Hand). Der schöpferische Aspekt Savitars schlägt sich nieder in der Intelligenz und „Fingerfertigkeit“, in der Zweckmäßigkeit der Methoden und deren Anpassungsfähigkeit an die gegebenen Erfordernisse, mit denen man seine Ziele und Wünsche zu erreichen sucht. Nicht selten ist man dabei auch erfolgreich, weil der beste, praktischste und zweckmäßigste Weg zum Ziel gesucht und gefunden werden kann.

Die Physiker Niels Bohr und Werner Heisenberg wurden mit Mond in Hasta geboren. Ihr Interesse (ihre Ziele und Wünsche) richtete sich auf die materielle Welt der kleinsten Teile, für deren zweckmäßige Erforschung beide den Nobelpreis erhielten. Der Industrielle und Erfinder Alfred Krupp richtete sein Interesse ebenfalls auf die Welt der Materie, den Stahl, und die Möglichkeit, damit Reichtum und Einfluss zu gewinnen. Der Schauspieler Fernandel brachte die Trickster-Qualität des Nakshatras Hasta zum Ausdruck: er wurde berühmt in seiner Rolle des „Don Camillo“, ein schlagfertiger, schlitzohriger katholischer Priester im Italien der Nachkriegszeit, der für seine Schäfchen in sozialen Notlagen das Beste erreichen wollte.

 

Shravana

Nakshatra Shravana

Nakshatra Shravana

„Ohr, Hören“
Gottheit: Vishnu („Alldurchdringender“)
Fixstern: Altair, Alschain und Tarazed im Sternbild Adler (Aquila)
Shakti: Verbindung
Obere Ebene: Suchen
Untere Ebene: die Wege
Ergebnis: alle Dinge miteinander verbinden

Über Shravana wacht der alles durchdringende Gott Vishnu, der erhaltende Aspekt der Trimurti.

Sternbild Adler (Aquila)

Sternbild Adler (Aquila)

Am Himmel wird Vishnu personifiziert durch die drei Hauptsterne des Sternbildes Adler: der sehr helle Hauptstern Altair, Alshain und Tarazed. Diese drei Fixsterne erinnern an die drei Schritte, mit denen Vishnu in seiner fünften Inkarnation als Vamana, der sich vom unscheinbaren Zwerg zu Vishnus kosmischer Form verwandelt, die Welt (Himmel und Erde) durchschreitet. Altair wurde von Sumerern und Babyloniern „Adlerauge“ genannt. Keilschriften erzählen einen uralten Mythos vom ersten König Sumers „nach der großen Flut“, Etana, der den Beinamen „der Hirte, der zum Himmel flog“ erhielt. Etana flog mit einem Adler in den Palast der Ishtar (Venus) im Himmel, um von dort das „Gebärkraut“ für seine unfruchtbare Ehefrau zu holen. In der griechischen Mythologie wird ein Adler von Zeus beauftragt, den schönen Jüngling Ganymed in den Olymp zu entführen, wo er Mundschenk der Götter wurde, eine Szene, die auf vielen antiken Sternkarten dargestellt ist. Die meisten Mythen um das Sternbild Adler handeln also von einer Reise von der Erde in den Himmel, bei der ein Mensch von einem Adler in den Himmel getragen wird.altair

Shravana lässt sich übersetzen mit „Ohr“ bzw. „Hören“. Bis vor wenigen hundert Jahren hatte das Hören für die Menschen noch eine ganz besondere Bedeutung, denn Informationen waren den Menschen meist nicht in schriftlicher Form zugänglich. Sie mussten einem Lehrer oder Berichterstatter zuhören. Der Wissensschatz der Veden wurde viele Jahrtausende lang nur mündlich überliefert. Als Shruti, „das Gehörte“, werden jene Weisheiten des Veda genannt, die die Rishis (Weisen) direkt vom Göttlichen „gehört“ haben sollen. Die Reden von (und Geschehnisse um) Jesus vor 2000 Jahren wurden erst Jahrzehnte nach seinem Tod schriftlich festgehalten, bis dahin mündlich tradiert. Jesus selbst wandte sich über das Wort und die Rede an die Menschen seiner Zeit.

Vishnu

Vishnu

Das Hören hatte in der Weitergabe spirituellen Wissens, das Himmel und Erde miteinander zu verbinden vermag (offenbar das eigentliche Thema des Nakshatras Shravana), schon immer eine große Rolle gespielt. In manchen Meditationsformen lauscht man auf innere Töne, auf den Urlaut Om (Aum), oder es werden Mantras, heilige Klangsilben, laut oder innerlich lautlos angestimmt. Menschen, die ein spirituelles Erleuchtungserlebnis hatten, berichten zuweilen von einer Stimme im Inneren, die sie hören. Wenn sich der Mensch im Gebet an eine himmlische, göttliche Macht wendet, hofft er, dass seine Worte, sein Gebet, „erhört“ werden. Der Mensch kann Gott „hören“, und auch Gott kann den Menschen „hören“. Heutzutage fällt man über „innere Stimmen hörende“ Menschen allerdings schnell das Urteil, dass hier eine psychische Krankheit vorliegen müsse.

John Lennon wurde mit Mond in Shravana geboren. Die heilige Bernadette Soubirous wurde mit Merkur in Shravana geboren, wie auch Swami Vivekananda (Merkur Konjunktion Venus in Shravana) und Maharishi Mahesh Yogi (Merkur Konjunktion Mars sowie Aszendent in Shravana).

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