Persönlichkeit – Drei Ich-Instanzen

15. Dez 2012 – 08:38:30

Vor einigen Monaten begann ich eine kleine Serie über das Ich und das Selbst im Horoskop aus Sicht der Astrologischen Psychologie. Im Text über Das Ich im Horoskop ging es um die Entstehung des Ich aus Sicht der frühkindlichen Entwicklung, während es im Text über Ich und Selbst im Psychosynthese-Ei um die Beziehung der Begriffe Ich und Selbst geht, die ich am Modell des Psychosynthese-Ei darstelle. Die Astrologische Psychologie verwendet in diesem Zusammenhang oft den Begriff Persönlichkeit, der in der Psychologie keine eindeutige, festgelegte Definition findet. Es kursieren mehrere Dutzend Theorien über die Persönlichkeit, und die Astrologische Psychologie ergänzt diese um die astrologisch-psychologische Sicht.

Dreifache Persönlichkeit

Die Persönlichkeit ist ein dynamisches System verschiedener Funktionen und Kräfte der menschlichen Psyche, die sich im Menschen individuell auf einzigartige Art und Weise zu einem Ganzen verbinden. Aus astrologischer Sicht setzt sich die Persönlichkeit aus verschiedenen Instanzen zusammen. In den drei zentralen Instanzen – Sonne, Mond und Saturn – sitzt das Ich. Über diese drei Ich-Instanzen hinaus besitzt die Persönlichkeit weitere Werkzeuge, die Fähigkeiten der anderen Planeten, die der Verwirklichung des Selbst dienen können.

API-PlanetentafelDas Ich ist der Bezugspunkt unseres Bewusstseins. Im Psychosynthese-Ei haben wir es als Zentrum des Bewusstseinsfeldes kennengelernt. Das Ich sagt von sich: „Ich bin das Zentrum meiner Welt.“ Das Ich der Persönlichkeit kann sich als nur physischer Mensch in einer physischen Welt verstehen (Saturn), oder psychisch in einer Gefühlswelt, in der es ganz von seinen Wünschen abhängig ist (Mond), und es kann sich auch verstandesmäßig erleben, wenn es sich gedanklich frei in Beziehung mit anderem setzen kann (Sonne).

Die drei zentralen Ich-Instanzen können als Rollen des Ich angesehen werden. Das Ich wiederum ist als „personales Selbst“ eine Reflektion des Höheren (Wahren) Selbst, das im Horoskop durch den leeren Kreis in der Horoskopmitte dargestellt ist. Die Planeten Sonne, Mond und Saturn sind demzufolge Rollen (Funktionsorgane), in die das Selbst (der Kreis in der Horoskopmitte) hineinschlüpfen und sich über sie in der Welt als „Ich“ zum Ausdruck bringen bzw. die Welt aus der Perspektive des Ichs wahrnehmen kann. Dies geschieht in einem gegebenen Moment durch das vorübergehende sich „Identifizieren“ des Selbst mit einem der Planeten-Werkzeuge. Heutzutage ist diese Identifikation jedoch in der Regel nicht mehr „vorübergehend“, sondern dauerhaft und deshalb mit verantwortlich für den Verlust des „wahren Selbst“-Bewusstseins, also des Wissens darum, wer wir wirklich sind und was unser wahrer Ursprung ist – der Kreis in der Horoskopmitte. Dazu in einem späteren Blog-Beitrag mehr.

Der Aszendent wird in der Astrologischen Psychologie als ICH-Punkt bezeichnet. Er symbolisiert die „Ich-Vorstellung“, d.h. wie ich mir mein Ich vorstelle, wie ich sein will bzw. wie ich von anderen gesehen werden möchte. Er bietet dem Ich eine Projektionsfläche in der Welt. Es geht hier um das „Image“, das ich den anderen zeige. Dahinter bin ich jedoch in der Regel jemand anderes – entsprechend der Stellungen von Sonne, Mond und Saturn. Daher ist der Aszendent hinsichtlich der Beurteilung der Persönlichkeit zunächst von untergeordneter Bedeutung.

SonneSonne – das Denk-Ich

Die Sonne ist das mentale oder Verstandes-Ich, das in die Rolle des Denkers schlüpft und dabei erkennt: „Ich denke, also bin ich!“. Die Sonne verleiht dem Selbst die Fähigkeit, sich seiner selbst bewusst zu sein, sich selbst zu betrachten, d.h. eine distanzierte Position zu sich selbst einzunehmen. Die Sonne vermittelt uns die Fähigkeit zur Selbstbetrachtung. Sie ist die zentrale Kraft, die die Fähigkeiten der anderen Planeten ordnend koordiniert und lenkt. Sie ist die expansive Kraft, mit der wir uns entwickeln und unser Bewusstsein ausdehnen. Sie vermittelt dem Selbst Mut, Selbstvertrauen und Selbstverantwortung.

Die Sonne ist das autonome Ich, das unabhängig von Bestätigungen aus der Umwelt ein starkes Selbstbewusstsein haben und aufrechterhalten kann, auch unter schwierigsten Bedingungen. Die Sonne verleiht damit die Fähigkeit, sich von der Umwelt nicht beeinflussen zu lassen und sein Anders- und Eigen-Sein der Welt gegenüber zu verteidigen. Die starke Sonne hat es nicht nötig, sich mit anderen zu vergleichen. Sie ist sich ihrer Individualität und Einzigartigkeit einfach gewahr und strahlt dies selbstbewusst aus.

Können sich diese Fähigkeiten der Sonne in einem ausgewogenen Maß entfalten, so besitzt der Mensch persönliche Ausstrahlung, Vitalität und eine natürliche Anziehungskraft auf andere Menschen, die sich von seinem Licht und seiner Wärme angezogen fühlen (Gravitationskraft der Sonne). In ihrem Expansionsstreben wird die Sonne am besten von Mars und seiner Aktivität und Durchsetzungsfähigkeit unterstützt. Damit die Sonne sich auf lange Sicht voll entfalten kann, ist eine Öffnung gegenüber den Energien des Planeten Pluto erforderlich, der nach höheren Idealen strebt und die Willenskraft von der persönlichen und ich-zentrierten auf eine spirituelle und transpersonale Ebene heben kann.

Steht die Sonne schwach im Horoskop, zum Beispiel im eingeschlossenen Zeichen, am Talpunkt, nahe einer Zeichengrenze oder schlecht eingebunden in das Aspektbild, so traut man sich selbst im Leben oft nicht viel zu, man nimmt sich in Situationen, die Stand- und Durchsetzungsvermögen erfordern, schnell zurück, fühlt sich blockiert, zu kurz gekommen im Leben und leidet nicht selten an einem Minderwertigkeitsgefühl. Steht die Sonne hingegen kompensativ, zum Beispiel im Stressbereich einer Hausspitze, neigt man zu übertriebenem Ehrgeiz und Imponiergehabe, man will unbedingt der Erste und Beste sein, doch oft überschätzt man sich und seine Fähigkeiten.

MondMond – das Gefühls-Ich

Der Mond symbolisiert die zweite Ich-Instanz, das emotionale oder psychische Ich, das sich selbst gefühlsmäßig wahrnehmen kann über den Kontakt mit anderen Menschen, mit Tieren, mit der Natur und allem anderen, dem wir in der Welt begegnen können. Der Mond vermittelt diese Offenheit dem DU gegenüber mithilfe der ihm innewohnenden Neugierde, der Sensitivität und Spontanität, auch einer gesunden Portion Arglosigkeit, manchmal bis hin zur Naivität und Kindlichkeit, die für das sich Öffnen notwendig sind. Der Mond arbeitet sich sozusagen über das Spüren und Ahnen zum DU vor. Begegnungen vermitteln dem Mond-Ich den Eindruck „Ich fühle, ich werde gefühlsmäßig berührt, also bin ich!“.

Als Kontakt-Ich braucht der Mond die Berührung mit der Umwelt, sonst nimmt es sich auf dieser Ebene nicht wahr. Dieses natürliche Bedürfnis des Mondes nach Geliebtwerden und nach emotionaler Zuwendung macht das Ich abhängig. Die begegnende Welt wird vom ambivalenten Ich-Bewusstsein eingeteilt in die Kategorien von Sympathie und Antipathie, von „mag ich“ und „mag ich nicht“, von Ja und Nein. Diese Ambivalenz ist stets getragen von Subjektivität.

Eine besondere Fähigkeit des Mondes ist die Phantasie, das Träumen und Fabulieren, die Welt der Märchen und Imaginationen. Hier kann sich der Mond als Ich-Instanz kreativ zum Ausdruck bringen.

Die direkteste Unterstützung im Kontakt-Mechanismus erhält der Mond von Merkur und dessen Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten sowie von Jupiters ganzheitlichen, sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten. Für eine ideale Entwicklung des Mondes ist es wichtig, dass er sich im Laufe der Zeit den Energien des Neptun öffnet, der Liebe und Kontakt nicht mehr nur zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse sucht, sondern die Liebe als Haltung an sich lebt, die keine Bedingungen an den begegnenden Menschen stellt.

Steht der Mond im Horoskop schwach, zum Beispiel am Talpunkt oder im eingeschlossenen Zeichen, an einer Zeichengrenze oder nur unzureichend in das Aspektbild eingebunden, ist die Folge oft ein generelles Gefühl des sich ungeliebt Fühlens, der Einsamkeit oder Schüchternheit anderen Menschen gegenüber. Es fällt schwer, sich im Kontakt und in der Begegnung vorbehaltlos zu öffnen, sondern man fühlt sich gehemmt und hat Angst vor zuviel Nähe. Bei einer kompensativen Mond-Stellung im Schatten einer Hausspitze ist man überaktiv im Kontakt, weil abhängig von der Zuneigung anderer, die man durch übermäßige Leistungen für die anderen zu gewinnen sucht (sich die Liebe anderer verdienen und erarbeiten wollen/müssen).

SaturnSaturn – das Körper-Ich

Die Körperlichkeit wird im Planeten Saturn zu einem wesentlichen Instrument der Ich-Erfahrung, idealerweise durch das Empfinden von physischem Wohlbehagen, von Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit, von Ruhe, auch von Lust und allem Entsprechenden. Das Körperbewusstsein als Ich-Instanz vermittelt die Selbsterfahrung „Ich habe einen Körper, also bin ich!“.

Als heteronomes (von äußeren Gesetzen bestimmtes) Ich ist Saturn fremdbestimmt, weil von der Materie und ihren Gesetzmäßigkeiten abhängig. Er verleiht die Fähigkeit, sich gegenüber der Welt sichernd abzugrenzen und sich selbst zu pflegen. Sein Verhalten ist deshalb defensiv und primär auf das Wahrnehmen und Setzen von Grenzen ausgerichtet. Es werden dazu Abwehrmechanismen und Sicherheitsmaßnahmen gegen „Eindringlinge“ eingesetzt (Immunität), Regeln und Verbote aufgestellt und auf ihre Einhaltung geachtet.

Eine wichtige Funktion, die den Planeten Saturn bei diesen Aufgaben unterstützt, ist das Gedächtnis, mit dem gemachte Erfahrungen aufgespeichert werden, die jedoch als negative Erwartungen zu einer grundsätzlichen Haltung der Angst und des Misstrauens gegenüber dem Leben und anderen Menschen führen können. Um sich vor erwartetem Schmerz und Angriffen zu schützen, werden die Abwehrmechanismen zuweilen verstärkt und perfektioniert.

Die Selektivität und der gute Geschmack der Venus kann den Planeten Saturn in vielen seiner Aufgaben unterstützen. Für eine stabile, zukunftsorientierte Entfaltung ist im Laufe des Lebens eine Öffnung Saturns gegenüber der Energie des Uranus erforderlich, die Sicherheit nicht nur im persönlichen Umfeld sucht, sondern generell nach einer perfekteren Welt strebt, die Sicherheit und Komfort für die gesamte Menschheit garantieren kann.

Steht Saturn im Horoskop schwach nahe einem Talpunkt, im eingeschlossenen Zeichen, an einer Zeichengrenze oder nur unzureichend an das Aspektbild angeschlossen, ist auch die Abgrenzungsfähigkeit nicht optimal beschaffen. Generelle Lebensangst und Misstrauen gegenüber dem Leben aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit lassen in allem schnell das Negative sehen. Da körperliche Bedürfnisse nicht ausreichend wahrgenommen werden, kann die Krankheitsanfälligkeit erhöht sein. Steht Saturn kompensativ im Horoskop im Schatten einer Häuserspitze, oder zum Beispiel als Spannungsherrscher, lädt man sich gerne sehr viele Pflichten auf, die man durch gesteigerten Perfektionismus zu bewältigen versucht. Es besteht eine Tendenz zu vermehrtem Lebensernst und zu Verhärtungen, die die Anfälligkeit für Krankheiten erhöhen können.

Integration der dreifachen Persönlichkeit

Wie ich eingangs schrieb, ist die Persönlichkeit ein dynamisches System verschiedener Ich-Funktionen (Sonne, Mond und Saturn) und Kräfte (die anderen Planeten) der menschlichen Psyche, die sich im Menschen individuell auf einzigartige Art und Weise zu einem Ganzen verbinden.

PsychosyntheseEine wichtige Deutungstechnik der Astrologischen Psychologie ist die Feststellung, welche der drei astrologischen Ich-Instanzen in Haus, Zeichen und Aspektierung am stärksten steht. Sie stellt den Integrationsfaktor dar, über den das gesamte dynamische System der einzelnen Instanzen und Kräfte innerhalb der Persönlichkeit zu einem sinnvollen, gut funktionierenden Ganzen verbunden werden kann, denn oft streben die einzelnen Kräfte und Funktionen in uns in unterschiedliche, manchmal sogar entgegengesetzte Richtungen. Dieser Integrationsprozess wird „personale Psychosynthese“ genannt, in dem die zunächst divergierenden psychischen Kräfte zu einer harmonisch funktionierenden Ganzheit zusammengefasst werden, in der die Summe mehr ist als ihre Teile.

Der stärkste Ich-Planet ist deshalb wichtig, weil seine Betätigung im Leben das Selbst-Bewusstsein stärkt, und im langfristigen (meist lebenslangen) Integrationsprozess die schwächeren, weniger eingeübten Funktionen in unserer Persönlichkeit allmählich von selbst und ohne Zwang ihr Optimum entfalten können. Es macht psychologisch keinen Sinn, immer wieder auf unseren Schwächen (schwach gestellte Planeten) herumzureiten und uns auf den Mangel und scheinbare „Defekte“ oder Defizite zu konzentrieren. Pädagogisch sinnvoller und effektiver ist es, zunächst unsere Stärken wahrzunehmen und zu betonen, damit der Rest unserer Persönlichkeitskräfte von selbst „nachwachsen“ kann. Erst mit einem „starken Ich“ kann in einem späteren Entwicklungsschritt die transpersonale Ebene der drei geistigen Planeten Uranus, Neptun und Pluto im Prozess der „transpersonalen Psychosynthese“ einigermaßen gefahrlos in die Persönlichkeit integriert werden.

Lese-Tipps:
Bruno Huber: Die Persönlichkeit und ihre Integration. Autodidacta-Band im API-Verlag
Bruno und Louise Huber: Planeten als Funktionsorgane. API-Verlag
Piero Ferrucci: Werde was du bist. Selbstverwirklichung durch Psychosynthese. rororo-Taschenbuch
S. Dönges und C. Brunner: Psychosynthese für die Praxis. Grundlagen, Methoden, Anwendungsgebiete. Kösel-Verlag (zusätzliche CD mit Übungen erhältlich)

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