William S. Burroughs

Kennengelernt habe ich den amerikanischen Schrifsteller William S. Burroughs nicht durch seine Bücher (gelesen habe ich bis heute keines und werde dies voraussichtlich auch in Zukunft nicht), sondern über die Musik. Eines Abends kommt der Freund, dem ich meine damals noch sehr junge Passion für die Astrologie zu verdanken hatte, mit einer Musik-CD vorbei: Seven Souls der Band Material. Auf der CD wird nicht gesungen, sondern eine unverwechselbar metallisch klingende, rauhe und tiefe Männerstimme rezitiert Texte: William S. Burroughs liest aus seinem Buch „The Western Lands“

Jetzt, da Burroughs’ 100. Geburtstag gefeiert wird, schaue ich mir erstmals sein Horoskop an. Ein ausgeprägter Wassermann: Sonne und Aszendent sowie vier weitere Planeten, allesamt noch im 12. Haus, beschreiben einen Außenseiter, der sich in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Es ist der Lebensbereich der VerINNERlichung. Er fordert, in der Stille leben zu können, was meist nicht ohne Phasen der Einsamkeit und des Alleinseins geht, die freiwillig oder erzwungen sein können.

William S Burroughs RadixDas 12. Haus gehört zum ICH-Raum (Häuser 1 und 12). Im kardinalen 1. Haus will sich das Ich aktiv in der Welt darstellen und betätigen, während es im veränderlichen 12. Haus um Erkenntnisprozesse geht, idealerweise um SELBST-Erkenntnis und Erkenntnis des Sinns der eigenen Existenz. Die Häuserachse 6/12 ist die Existenzachse: im 6. Haus geht es um Fragen der materiellen Existenz, im 12. Haus um die geistige Existenz. Das Quincunx zwischen Merkur noch im 12. Haus und Neptun im 6. Haus möchte diese Wege der Selbst-Erkennens literarisch beschreiten. Merkurs Nähe zum Aszendenten lässt die Umwelt aufhorchen, was dieser 12.-Häusler zu sagen hat, der dem Leben zuschaut, es in der Distanz an sich vorüberziehen lässt, ohne auf die Ereignisse aktiven Einfluss zu nehmen, allenfalls das Beobachtete und Erlebte beschreibend, kritisierend.

Burroughs wird in St. Louis im Bundesstaat Missouri in eine lokal bekannte und wohlhabende Familie geboren, der jüngere von zwei Söhnen. Mit 16 Jahren kommt er in ein Internat nach New Mexico, „in dem die spindeldürren Söhne der Reichen in männliche Exemplare umgewandelt werden konnten“ und wo er seine homosexuelle Neigung erkennt, die er allerdings bis weit ins Erwachsenenalter geheim hält. Homosexualität war damals noch strafbar. Der Alterspunkt ist soeben in das Zeichen Zwillinge mit einer Mond/Saturn-Konjunktion und Pluto auf dem letzten Zeichengrad gewechselt. Als der Alterspunkt die Konjunktion mit 18 Jahren überläuft, beginnt er ein Literaturstudium an der Harvard-Universität. Auf nächtlichen Streifzügen durch die nahegelegenen New Yorker Stadtteile Harlem und Greenwich Village kommt er mit der schwulen Subkultur in Berührung.

Nach Abschluss seines Studiums bereist er gemeinsam mit einem Freund ab 1937 Europa (AP Konjunktion Pluto und Wechsel in das Zeichen Krebs). Er schreibt sich für ein Semester Medizin an der Universität Wien ein und erkundet die schwule Szene Österreichs und Ungarns. Er schließt Freundschaft mit der Jüdin Ilse von Klapper, die er proforma heiratet, um ihr die Einreise in die USA zu ermöglichen. Dort lassen sie sich wieder scheiden, bleiben jedoch weiterhin jahrelang in freundschaftlichem Kontakt.

Zurück in den USA erhält Burroughs nach dem Angriff auf Pearl Harbour seinen Einberufungsbefehl, wird allerdings aus psychischen Gründen als untauglich zurückgestellt. Er geht zunächst nach Chicago, dann nach New York, wo er Jack Kerouac und Allen Ginsberg kennenlernen wird. Zu dritt prägen sie später entscheidend die Beat Generation, eine spezielle Richtung der amerikanischen Literatur nach dem 2. Weltkrieg. Der Alterspunkt befindet sich noch im Krebs, das zwei Häuserspitzen aufweist, und läuft über den Neptun auf der 6. Hausspitze.

In New York lässt sich Burroughs weiter treiben. Er jobbt hier und da, kann seinen Lebensunterhalt vor allem mit einer monatlichen Zuwendung seiner Eltern in Höhe von 200 Dollar bestreiten, die er seit seinem erfolgreichen Harvard-Abschluss 1936 erhält. Er lebt ab 1944 mit der verheirateten Joan Vollmer Adams in einer Wohngemeinschaft mit Jack Kerouac und dessen erster Frau Edie Parker. Er wird heroinsüchtig und handelt mit der Droge, um seine Sucht  zu finanzieren. Auch Joan Vollmer Adams wird drogensüchtig und lässt sich von ihrem Ehemann scheiden. 1946 heiraten sie und Burroughs, im Juli 1947 kommt der gemeinsame Sohn William S. Burroughs Jun. zur Welt.

Der Alterspunkt ist mittlerweile in das 6. Haus und das Feuerzeichen Löwe gewechselt. Es ginge nun darum, seine Marktlücke im Leben zu finden, den Arbeitsplatz, an dem man mit seinen Fähigkeiten genau an der richtigen Stelle ist. Noch ist er kein Schriftsteller, wird aber später seine ersten Drogenerfahrungen jener Jahre in seinem Werk „Junkie“ verarbeiten. Er zieht mit Frau und Kindern (sie hat noch eine Tochter aus erster Ehe) mehrmals um, nach New Orleans und nach Texas. Dort bauen sie Marihuana an, werden von der Polizei entdeckt und fliehen 1949 nach Mexiko.

Alterspunkt 6. Sept. 1951

Alterspunkt 6. Sept. 1951

Dort kommt es am 6. September 1951 zur Katastrophe, die Burroughs nur schreibend verarbeiten kann. Unter Alkohol- und Drogeneinfluss erschießt Waffennarr Burroughs während einer Party aus Versehen seine Frau, als er mit ihr den Apfelschuss à la Wilhelm Tell spielerisch nachahmen will. Sie trägt eine Schüssel mit Wasser auf dem Kopf, doch Burroughs zielt daneben und schießt Joan Vollmer Adams in den Kopf. Sie stirbt noch am selben Abend. Der vierjährige Sohn William Junior ist Zeuge, als seine Mutter zur Tode kommt.

Transite 6. Sept. 1951

Transite 6. Sept. 1951

Der Radix- und Mondknoten-Alterspunkt kreuzten sich gerade auf 7° Jungfrau, vier Monate zuvor kehrte die Transit-Mondknotenachse auf ihre Radixposition zurück. Beides sind in der Regel Hinweise auf intensive schicksalhafte Erlebnisse, denen man mehr oder weniger ausgeliefert ist, die kaum vermeidbar scheinen. Mit der Mondknoten- und der Kreuzungsachse auf der Begegnungsebene der Häuser 1 und 7 geht es bei der Bewusstseinsentwicklung um ein ICH-DU-Thema, um die Klärung der Frage, wer man selbst ist und was man vom Gegenüber will. Im Individuations-Schichtungsdiagramm gehört die Begegnungsachse 1/7 gemeinsam mit der Existenzachse 6/12 zur Turnier-Ebene, auf der sich Ich und Du gegenüberstehen und sich das 12. Haus im 7. Haus in der oberen, bewussten Horoskophälfte spiegeln. In der Begegnung werden die Themen des 12. Hauses offenbar.

Ausschnitt API-Grafik

Ausschnitt Indiividuations-Schichtungsdiagramm (API-Grafik)

Mit dem aufsteigenden Mondknoten im 1. Haus ist man sich meist nicht im Klaren über das eigene Ich, den eigenen Ich-Standort. Man kreist lieber um das DU, macht sich von ihm abhängig. Mit dem Schwerpunkt des Aspektbildes im 12. Haus erstaunt diese Aussage zunächst, doch offenbar geht es für William S. Burroughs im Leben darum, einen klaren Ich-Standort einzunehmen, Eigenständigkeit im Auftreten zu entwickeln und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Unter Drogeneinfluss ist Klarheit jedoch schwer zu erreichen.

Burroughs kann der Polizei glaubhaft vermitteln, dass es sich bei dem Schuss um ein tragisches Unglück handelt. Er versucht es schreibend zu bewältigen und es entstehen erste Entwürfe seines Buches „The Naked Lunch“, das 1959 erstmals erscheint und in den Folgejahren des öfteren verboten wird, wegen angeblich obszöner Inhalte.

Beim Schreiben seiner Bücher bedient sich Burroughs einer neuen Methode, Worte oder Satzteile wie Schnipsel hin und her zu schieben und neu anzuordnen, ohne genauen Plan („cut-up“-Technik). Der Zufall lässt neue Zusammenhänge entstehen, die beim Leser Assoziationen hervorrufen, ähnlich einer Collage von Worten. Im Grunde entsteht die Handlung des Buches im Kopf des Lesers. Er begegnet beim Lesen sich selbst, seinen eigenen Assoziationsketten, nicht dem Autor William S. Burroughs. Mit Blick auf Burroughs Horoskop ist diese literarische Arbeitsweise verständlich. Sie hat bis heute großen Einfluss auf die Popkultur. Songtexte entstehen sehr häufig durch diese Technik.

Mittags-Grafik Billy Burroughs Jun.

Mittags-Grafik Billy Burroughs Jun.

In späteren Jahren versucht Burroughs immer wieder einen Drogenentzug nach dem anderen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Als sein Sohn William S. Burroughs Jun. im März 1981 im Alter von nur 33 Jahren an Leberversagen stirbt, unternimmt er einen weiteren Versuch. Billy, William S. Burroughs Jun., erlebt als Vierjähriger, wie sein Vater seine Mutter erschießt. Eine der traumatischsten Kindheitserfahrungen, die man sich nur vorstellen kann. Er kommt in die Obhut seiner Großeltern, die mit ihm als Teenager jedoch nicht mehr fertig werden. Deshalb  zieht der Sohn für einige Zeit wieder zu seinem Vater, der zu diesem Zeitpunkt gerade in Marokko lebt. Dort kommt Billy Jun. offenbar durch seinen Vater in Kontakt mit Drogen.

Zwischen Vater und Sohn entwickelt sich jedoch keine stabile Beziehung. Der Vater ist zeitlebens emotional distanziert, es fehlen Wärme und Präsenz. Die Mond/Saturn-Konjunktion direkt auf dem IC zeugt von eigenen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, der Vater hat keine emotionale Wärme, die er weitergeben könnte. Der Sohn jedoch, eine Krebs-Sonne, hungert danach. Er gerät bald auf die schiefe Bahn, lebt in Internaten, dann zeitweise wieder bei dem Vater. Er wird drogensüchtig, trinkt vor allem exzessiv Alkohol. Mit 29 Jahren erbricht er bei einem gemeinsamen Abendessen mit dem Vater Blut, Diagnose: Leberzirrhose in einem weit fortgeschrittenen Stadium, dass nur noch eine Transplantation helfen kann. Und tatsächlich schafft der Sohn diese medizinische Tortur, bemeistert die nur 30%ige Überlebensrate. Der Vater kümmert sich um ihn in dieser Zeit, aber die Vater-Sohn-Beziehung ist bereits zu zerrüttet, zu kalt und distanziert. Der Sohn kommt von seiner Alkoholsucht nicht los. Anfang März 1981 hört er auf, die lebensnotwendigen Immunsuppresiva zu nehmen und fährt in die Nähe des Internats seiner Jugendjahre. Dort kommt es zum Zusammenbruch und er stirbt im Alter von 33 Jahren in einer Klinik.

Alterspunkt 3. März 1981

Alterspunkt 3. März 1981

Dieses zweite Drama im Leben des Vaters lässt ihn einen weiteren Drogenentzug in Angriff nehmen. Um sicher zu gehen, dass er nicht mehr rückfällig wird, zieht er nach Kansas, wo er für den Rest seines Lebens bleiben wird. Er stirbt dort am 2. August 1997 im Alter von 83 Jahren.

Alterspunkt 2. Aug. 1997

Alterspunkt 2. Aug. 1997

Der letzte Tagebucheintrag vor seinem Tod war die Erkenntnis, dass LIEBE zum Gleichgewicht des Lebens dazugehöre. Der Radix-Alterspunkt stand im Halbsextil zur Mond/Saturn-Konjunktion, der Mondknoten-Alterspunkt im Sextil zum aufsteigenden Mondknoten im 1. Haus in den Fischen, Neptuns Herrschaftszeichen, des Horoskopfaktors, der das höchste Ideal der Liebe anzeigen kann. Es ging im Grunde sein Leben lang um dieses Wissen, dass letztlich die Liebe das wichtigste ist, die Fähigkeit der Hingabe und der Empathie, um zu erkennen, wer er in der Tiefe seines Seins tatsächlich ist.

Auf arte lief kürzlich eine Dokumentation über William S. Burroughs, die in der Mediathek noch angeschaut werden kann: A Man Within.

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