Pluto am absteigenden Plutoknoten (1)

Die Wandlung der kollektiven Zielvorstellungen

Am 24. Oktober 2018 erreicht Pluto seinen Südknoten. Er überquert dann die Ekliptik-Ebene, auf deren Nordseite er seit dem Jahr 1930 seine Bahn zog, und die er in den kommenden 160 Jahren auf der Südseite fortsetzen wird.

Knoten nennt man die Schnittpunkte der Bahn eines Planeten mit der Ekliptik-Ebene. Der Punkt, an dem seine Bahn die Bezugsebene von Süden nach Norden durchstößt, heißt aufsteigender Knoten. Der Punkt, an dem die Bahn die Bezugsebene von Norden nach Süden durchstößt, heißt absteigender Knoten. Bei den geozentrischen Planetenknoten steht die Erde im Zentrum, um die sich die Planeten scheinbar drehen. Die Nordrichtung der Erdachse definiert dabei Norden. Im Falle der heliozentrischen Planetenknoten definiert die Sonnenachse bzw. eine gedachte Linie aus dem Mittelpunkt der Ekliptik mit der Sonne im Zentrum (Ekliptik-Pole) die nördliche Hälfte. Die Verbindungsgerade der beiden Knoten ist die Knotenlinie, die nur bei den heliozentrischen Planetenknoten tatsächlich eine Achse bildet. Diese Knotenpunkte sind als Tore in die jeweils andere Hemisphäre vorstellbar. Sie trennen die nördliche Hälfte der Himmelskugel von der südlichen.

Norden und Süden

In der ägyptischen und indischen Symbolik repräsentiert der Norden das Licht, die Helligkeit und den Tag. Er ist die männliche aktive Kraft. Der Süden stellt im Gegensatz dazu die weibliche passive Kraft dar, die Dunkelheit bzw. Nacht.¹ Die Devas repräsentieren in Indien die Sterne des nördlichen Himmels, während die Asuras die Sterne der südlichen Hälfte symbolisieren.²

Deva ist die indische Bezeichnung für die „Gott dienenden Halbgötter“, die Himmlischen oder die Leuchtenden. Sie befinden sich auf höheren Ebenen als die Menschen. Man könnte sie auch als „überirdische Wesen“ bezeichnen. Sie stehen nicht außerhalb des Kreislaufs der Wiedergeburten, sie sind nicht „unsterblich“. Ihre Gegenspieler sind die Asuras, die „Gegner der Lichtwesen“ (a = gegen, nicht + sura = Lichtwesen). Diese sind keine Höllenwesen, sondern ehrgeizige, eifersüchtige und neidische Kreaturen, die die Devas bekämpfen. Kennzeichen eines Asura ist sein persönliches Verhalten, durch das er sich der göttlichen Ordnung, dem Dharma, widersetzt. Als Verkörperungen des „Bösen“ sind sie dennoch erlösungsfähig. So tötet die Göttin Durga den mächtigen Büffeldämon Mahishasura, damit er „gereinigt die höheren Welten erreichen“ kann.

Yama & Yami

Wenn Pluto nun die südliche Seite der Ekliptik betreten wird, steigt er diesen mythischen Bildern folgend hinab in die Welt des Südens, der Dunkelheit, in der die Asuras ihr Dasein haben. Das indische Pendant zum griechischen Gott Hades und dem römischen Pluto ist der vedische Gott Yama, der gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Yami das Menschengeschlecht begründete. Er war der erste Mensch, der sterben musste und erforschte diese verborgene Region. Dabei entdeckte er den Weg, auf dem die Toten in den Himmel gelangen. Yama wurde zum König der Toten eingesetzt und übernahm zusammen mit Varuna die Funktion des Totenrichters, denn er prüfte, ob der Verstorbene das göttliche Gesetz Dharma (vedisch: ta) eingehalten hatte. Wenn er es übertreten hatte, wurde er mit einem Seil an sein Fehlverhalten gebunden (→ Vedische Götter und Uranus, Neptun und Pluto). Dieses Gebundensein zwingt ihn in immer neue Inkarnationen, bis er seine Bindung an das falsche Denken und Verhalten, den Adharma, losgelassen hat.

Entwicklungsaufgabe der Plutoknotenachse

Um sich einer möglichen Deutung der Pluto-Knotenachse zu nähern, orientiert zunächst ein Blick auf die bekannteste Knotenachse: die des Mondes. Besonders die indische Astrologie besitzt hier eine jahrtausendealte Deutungstradition:

Mondknotenachse

Der südliche Mondknoten ist eine introvertierte Kraft, die Vollendung und Befreiung des Bewusstseins (Mond) ermöglicht. Jene Dinge, die Ketu im Horoskop beeinflusst, gehen der Vollendung entgegen und können in diesem Leben ge- bzw. erlöst werden. Der nördliche Mondknoten auf der anderen Seite treibt das Bewusstsein vorwärts in das Neue, um einen Ausgleich zu schaffen, wo noch kein Gleichgewicht herrscht. Denn solange Ungleichgewichte existieren, kann es keine Vollendung oder Befreiung auf dem evolutionären Pfad geben. Es herrscht ein Ungleichgewicht, weil wir uns in der Vergangenheit auf jene Themen konzentriert haben, die anzeigt, weshalb andere Lebensthemen bislang unentwickelt geblieben sind, die wir nun am aufsteigenden Mondknoten entwickeln sollen.

Auf der Plutoknotenachse geht es nicht um die Entwicklung des individuellen Bewusstseins wie auf der Mondknotenachse, sondern aus astrologisch-psychologischer Sicht um die Freilegung des göttlichen Kerns in jedem einzelnen Individuum. Dies geschieht mit den Werkzeugen Tod und Zerstörung, die Platz für Transformation und Regeneration schaffen. Auf vordergründiger (egozentrischer) Ebene geht es mit Pluto um den unbedingten Willen zur persönlichen Macht, die anderen Menschen aufgezwungen wird. An den südlichen, absteigenden Knoten sammeln sich die Erfahrungen der Vergangenheit. Hier wurde ein Thema bis zur Perfektion entwickelt und neigt nun dazu, statisch zu werden, weil es an den Status Quo bindet. Was früher gut war, wird heute zur Last und behindert die weitere Entwicklung, denn man verweigert sich der Veränderung. Am absteigenden Knoten besteht durch zu geringe Freigabe des „Gebundenen“ die Gefahr der „Implosion“.

Die Individualachse

Plutos aufsteigender Knoten liegt seit Beginn des Mittelalters (ca. 500 n. Chr.) im Zeichen Krebs, der Südknoten im Steinbock. Das Thema gefühlsmäßiger Zugehörigkeit und Teil eines Kollektivs zu sein (Krebs) erhält seitdem in Verbindung mit Pluto eine positive, integrative Konnotation, während Autoritätsgläubigkeit und Delegation individueller Verantwortlichkeiten an äußere Autoritäten (Steinbock) eine desintegrative Funktion ausüben. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert scheint besonders das Thema Demokratie – die Herrschaft des Volkes (eine Idee aus der Zeit der Plutoknoten auf der Denkachse Zwillinge/Schütze) – im Brennpunkt des plutonischen Entwicklungsprozesses zu stehen. In rund 700 Jahren wird Plutos Knotenachse diese Zeichen verlassen und in die Zeichenachse Löwe/Wassermann eintreten. Bis dahin wird jeder Transit Plutos durch die Zeichen seiner Knotenachse den Individuationsprozess des kollektiven Bewusstseins markant gestalten.

Mit Plutos letztem Eintritt in das Zeichen seines aufsteigenden Knotens Krebs (1913-1939) kam die Leitidee „Alle Menschen sind gleich!“ auf. Eine gleiche Idee (Ideologie) verbindet eine Gemeinschaft, die gleiche Herkunft ein Volk. In der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) war Volk ein sehr häufig verwendeter Begriff, wobei sich das Volk in dieser Zeit vor allem über die ideologische Idee der Rassenzugehörigkeit definierte. Es war in einer Art Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft dauerhaft verbunden. Im Völkerbund (1920-1946) verband sich eine „Gemeinschaft der Völker“. Gleichzeitig entwickelte sich ein Versorgungsanspruch des Volkes an seine staatlichen Institutionen, denn der Staat sorgt wie eine Mutter (oder Vater) für ein gewisses Maß an existentieller Sicherheit – Saturn als Herrscher des gegenüberliegenden Zeichens Steinbock. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gingen das deutsche und österreichische Kaiser- und das russische Zarenreich unter und es entstanden in diesen Ländern erstmals Demokratien – die Herrschaft des Volkes.

Mit Plutos Eintritt in das Zeichen seines absteigenden Knotens Steinbock (2008-2024) begann eine weltweite Finanzkrise und im Anschluss daran eine europäische Schuldenkrise. Das Versagen staatlicher Institutionen wurde offenbar. Sie versäumten es aus Sicht des Volkes, diese Krise zu verhindern und es vor den Folgen zu schützen. Im Gegenteil waren sie in Teilen selbst in die Ursachen verstrickt. Der Staat verlor in den Augen des Volkes massiv an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Im Zuge der Migrationskrise (seit 2014) erleben nationalistische Ideen aus der Zeit des Pluto-Transits durch den Krebs eine Renaissance im kollektiven Bewusstsein.

„… und er macht Geschichte“ Bruno Huber über Pluto in den Zeichen – Astrolog Nr. 30

¹ J. C. Cooper: Lexikon der Symbole
² Samudra Mantham – Das Aufwühlen des Milchozeans

⇒ Der zweite Teil handelt vom Plutoknoten-Zyklus und seiner Bedeutung für den Einzelnen

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