Der Lebensfilm

Viele Menschen, die von einer Nahtoderfahrung berichten, erwähnen einen Moment, in dem das gesamte Leben in Sekundenschnelle vor dem inneren Auge abläuft (Lebensbilderschau). Daran musste ich denken, als ich feststellte, dass im Todeshoroskop eines Menschen wichtige Lebensereignisse mit dem Alterspunkt nachvollziehbar sind.  Seitdem sammele ich Todeshoroskope, und wenn die genaue Minute des Todes bekannt ist, bestätigt sich meine Vermutung immer wieder.

Der Aszendent des Todeshoroskops ist der Endpunkt des Lebens und gleichzeitig der Übergang in die neue Lebensphase nach dem Tod, wenn wir den Tod als Geburt in die Jenseitswelt ansehen. Am AC treffen sich Geburt und Tod. Geht man mit dem Alterspunkt rückwärts durch dieses Horoskop des Todesmomentes, entsprechen die letzten sechs Lebensjahre dem AP-Lauf durch das 12. Haus, die sechs Jahre davor dem Lauf durch das 11. Haus usw. Wir können in diesem Horoskop markante Lebensereignisse aufsuchen, die im Lebensfilm des Todes vielleicht eine wichtige Rolle spielten.

mein Vater

Als mein Vater am 13. Mai 1985 starb, stand Merkur exakt am DC. 40 Jahre vor seinem Tod wurde er als 17jähriger im 2. Weltkrieg bei einem Bombenangriff unter den Trümmern eines Hauses verschüttet, in dessen Keller er Zuflucht gesucht hatte. Er überlebte und hatte Todesangst, man würde ihn nicht finden. Am nächsten Tag, dem 13. März 1945, wurde er gerettet. Zu diesem Zeitpunkt steht der AP exakt auf der Sonne. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses einschneidende Erlebnis meines Vaters eine entscheidende Station seines Lebensfilms war, starb er doch auf den Tag genau 40 Jahre später.

Swami Vivekananda

Bei berühmten Persönlichkeiten können wir nur vermuten, welche Ereignisse ihres Lebens einen so großen Eindruck hinterließen, dass sie im Ende des Lebens erneut auftauchen. Für Swami Vivekananda war dies wahrscheinlich seine Begegnung mit seinem Guru Ramakrishna. Der Mondknoten-AP stand in Konjunktion, der Radix-AP im Quadrat zu Jupiter, dem Guru-Planeten der Indischen Astrologie.

Vincent van Gogh

Im Todeshoroskop des Malers Vincent van Gogh stand der Alterspunkt in dem Jahr, in dem er die Welt der Farben für sich entdeckte, im Trigon zur Venus und im Quadrat zu Merkur. Seine eigene Geburt fällt im Todeshoroskop auf die AP-Opposition zum aufsteigenden Mondknoten. 36 Jahre später war dies die Zeit, in der er mit Paul Gauguin in Arles im Gelben Haus zusammenlebte, dessen Wertschätzung ihm ungemein wichtig war und von dem er sich gleichzeitig nicht ausreichend abgrenzen konnte. Am Tag, als er sich ein Ohr abschnitt, stand der AP in Oppositon zur Mond/GZ-Konjunktion, die sich auch in seiner Radix findet. Gauguin war am gleichen Tag abgereist. Diese Nervenkrise trug viel zu seinem Selbstmord anderthalb Jahre später bei. Möglicherweise drehten sich van Goghs Gedanken in seinem Todesmoment auch um diese nervenaufreibende Künstler-Freundschaft.

AP J. Dean

James Dean

Als James Dean bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, könnte die Premiere des Theaterstückes Der Immoralist eine wichtige Station seines kurzen Lebens gewesen sein, mit dem ihm der Durchbruch am Broadway gelang. Der Alterspunkt markiert diesen Zeitpunkt durch eine Konjunktion mit dem Mond.

Was Shri Aurobindo im Moment seines Todes durch den Sinn ging, kann ebenfalls nur spekuliert werden. Vielleicht der Moment, als er das Supramental (Overmind) entdeckte? Die beiden Alterspunkte könnten darauf hindeuten. Vielleicht war es auch die Erlangung der Unabhängigkeit Indiens an seinem Geburtstag. An diesem Tag stand der AP des Todeshoroskops im Quadrat zur Sonne.

Shri Aurobindo

meine Tante

Als meine Tante starb, war der Tag meiner Geburt wahrscheinlich ein wichtiges Ereignis in ihrem Lebensfilm, denn im Moment ihres Todes träumte ich ein Gespräch mit ihr. Sie war unschlüssig, ob sie gehen oder bleiben soll. Ich ermunterte sie, zu gehen und fühlte selbst, wie frei und erlöst wir uns im Tod fühlen können. Dieser Traum endete auf die Minute in dem Moment, da meine Tante in einem 400 km entfernten Krankenhaus starb. Meine Geburt wird in ihrem Todeshoroskop durch eine Opposition des Alterspunktes zur Sonne/Merkur-Konjunktion, einem Quadrat zu Uranus und einem Sextil zu Jupiter markiert.

Erinnerungen an frühere Tode

Als ich mich eine Woche lang in frühere Leben zurückführen ließ, schaute ich mir zu jedem Leben diesen Moment an, der stets mit einer „Affirmation“ endete, mit einer Willensäußerung: „Nie wieder will ich…!“ Dieser Gedanke bestimmte tatsächlich ein folgendes Leben. In einem Leben beging zum Beispiel meine Tochter Selbstmord, weil sie nicht den von mir bestimmten Ehemann heiraten wollte. Am Lebensende wollte ich mich „nie wieder an solche Regeln halten“. Die Folge war ein Leben während der Französischen Revolution, die mich den Kopf kostete. Ich wurde von Freunden verraten, weshalb ich offenbar heute in Freundschaften sehr distanziert bin. In jeder Inkarnation, deren Tod ich so „durchlebte“, glichen diese Gedanken stets einer Verschlimmbesserung, denn im nächsten Leben lief wieder etwas anderes, nicht vorhersehbares schief, das im Tod mit einem neuen „Nie wieder will ich…!“ endete. Ich verstand, warum Inder aus diesem Kreislauf unbedingt aussteigen wollen. Es ist wirklich ein irrsinniges Hamsterrad, wie eine Sequenz aus einem Monty Python Film. Seitdem ist mir klar, dass es sehr wichtig ist, im Moment meines Todes nicht wieder einen neuen Wunsch zu formulieren.

Die indische Philosophie hat dazu wichtiges zu sagen. Swami Sivananda nannte es „letzte Gedankenformen“.

Der letzte Gedanke eines Menschen lenkt sein weiteres Schicksal. Er bestimmt seine nächste Geburt.

Der letzte Gedanke eines lüsternen Mannes wird der Gedanke an seine Frau sein. Der letzte Gedanke eines unverbesserlichen Trinkers wird an seine Schnapsflasche sein. Der letzte Gedanke eines habsüchtigen Geldverleihers wird an sein Geld sein. Der letzte Gedanke eines kämpfenden Soldaten wird das Töten des Feindes sein. Der letzte Gedanke einer an ihrem einzigen Sohn hängenden Mutter wird an ihren Sohn sein.

Es ist sehr schwierig, Gottesbewusstsein zum Zeitpunkt des Todes aufrechtzuhalten, wenn Krankheiten den Körper quälen und das Bewusstsein dahinschwindet. Aber für den Menschen, der seinen Geist sein ganzes Leben lang diszipliniert hat und der versucht hat, den Geist durch dauerndes Üben auf Gott zu heften, wird der letzte Gedanke nur an Gott sein. Das kann nicht durch eine ziellose Praxis in ein oder zwei Jahren, in einer Woche oder einem Monat erreicht werden. Es ist ein lebenslanges Streben und Bemühen.

Stirbt ein indischer Guru, erlebt er gemäß indischer Vorstellung Mahasamadhi, die „Große Vereinigung mit dem Göttlichen“. Wir alle sollten uns im Leben auf diesen großen Moment gut vorbereiten.

Ein Gedanke zu „Der Lebensfilm

  1. Wolfgang

    Liebe Birgit,
    selbst habe ich keine Erfahrung mit Rückführungen, aber das ist sicher die einfachste, eindrücklichste und nachvollziehbarste Beschreibung des Antriebs, welcher hinter den Inkarnationen steckt, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Vielen Dank!

    Antworten

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